4 Tage in Småland, Schweden. Kingdom of Crystal, Glasriket Teil 1. - Kathrynsky's

Donnerstag, Januar 04, 2018

4 Tage in Småland, Schweden. Kingdom of Crystal, Glasriket Teil 1.

Es ist das Reich der Seen und der Elche, der Begegnungen mit der Natur. Småland ist altes Bauernland und das Reich der schwedischen Glas- und Möbelkunst. Es ist Astrid Lindgrens Land und es ist ideal für Ruhe suchende Urlauber. Ideal für mich, wo es im Dezember in Deutschland eher hektisch zugeht. Nur zwei Wochen nachdem ich in Göteborg war, freue ich mich, dass ich noch einmal nach Schweden reisen darf. Vier Tage in Småland liegen vor mir, Glaskunst, Schnee und Elche – was möchte ich mehr?


Die Reise mit der Fähre nach Göteborg kenne ich ja mittlerweile gut, kein Empfang stimmt mich schon auf Entspannung ein. In Göteborg geht es stilecht mit einem Volvo ca. vier Stunden durch verschneite Waldlandschaften und zahlreiche, teils schon zugefrorene Seen.


Ich hab mir sagen lassen, alles was hierhin mitgebracht werden sollte, ist die Lust auf Ruhe und ein mobiles Zuhause - oder man mietet einen Bungalow im Wald. Ich bevorzuge den Bungalow, denn mit einem Wohnmobil ist es im Sommer bestimmt noch schöner und ich hebe es mir dafür auf. Die nächsten drei Tage, in denen ich die Gegend erkunde, nächtige ich in einem Bungalow am See der Kosta Lodges.


Frühstück, Abendessen, Dart und einfach nur gemütlich in den Schnee schauen – geht in den Kosta Lodges gut!



Kurz nach meiner Ankunft treffe ich Henrik von Glasriket – Von ihm erfahre ich eine Menge über das so genannte Glasreich hier im Südosten Schwedens in der historischen Provinz Småland. Es ist DAS Zentrum der Glaskunst. Denn, was die Natur hier an Rohstoffen liefert, wussten die Smålander schon immer zu nutzen: Holz für die Öfen und Sand aus den Seen für das Glas. Er erzählt mir, das hier seit 1742 mundgeblasenes Glas gefertigt wird. Bis heute wird sowohl Gebrauchsglas als auch künstlerisches Glas von Weltklasse erstellt.

Insgesamt gibt es 14 Glasfabriken und alle können besichtigt werden, Zwei davon werde ich mir in den kommenden Tagen genauer ansehen, die in Målerås und in Boda.



Doch zuerst spaziere ich mit Henrik durch das Museum und das Kunsthotel, der Kosta Boda Glasfabrik. Ich staune nicht schlecht, dass ist ALLES aus Glas? Selbst die Barhocker – und die sind auch gar nicht so kalt wie sie aussehen, sondern überaus gemütlich. Ich bin faziniert – vor allem die Gesichter im Glas fesseln mich. Diese Tiefe, die durch das Glas entsteht, formt ganz spezielle Gesichtszüge.

Das Hotel liegt direkt neben der ältesten Glashütte Schwedens, die seit 1742. Es wurde von Kosta Bodas besten Designern eingerichtet. Was dies bedeutet, bzw. das jede Fabrik ihre eigenen Designer hat, verstehe ich erst in den kommenden Tagen so richtig. 

Jeder Betrieb hat seine eigenen "Glasstars", die weltweit angesehene Kunst entwerfen und, mit denen sich die Fabrik, in der sie produzieren, natürlich schmückt. Ab und an kann es allerdings passieren, dass sie auch wechseln – die Liga der Glasstars.

Die Nagellack und Lippenstifte aus Glas sind rund 50cm hoch.
Sie sind aus der Make Up Kollektivon von Åsa Jungnelius.

Nach meinen ersten Eindrücken und vielen Namen und Glaskunst sinke ich erschöpft ins Bett – so bewusst habe ich Glas noch nie wahr genommen und ich freue mich schon jetzt auf die Produktion. 

Meine Glaserfahrung: Als ich ca. fünf Jahre alt war, habe ich in Italien stundenlang den Glasbläsern zugeschaut, deren Material war dünn wie Esspapier und sie haben buntes Wasser durch das frische Glas geblasen. Ich habe einen Schwan mit nach Haus nehmen dürfen – ich bin gespannt, was mir hier gezeigt wird.



Am nächsten Morgen erwarten mich allerdings ersteinmal Trolle und Feen in Målerås. Von Kosta bis hier sind es ca. 20 Minuten – auf dem Weg dahin nur Schnee und ein Langläufer, der die Strasse vor mir kreuzt. Am Ortseingang bin ich mit Åke verabredet, ein Pensionär, der die Gegend liebt und kennt wie seine Westentasche. Wer sollte mir sonst die Gegend zeigen?

Åke zeigt mir einen Wanderweg in den Wäldern, es gibt viel Schnee und wir entscheiden uns dazu nicht ganz um den See zu gehen, denn auch nur die Hälfte bringt uns bereits zum schwitzen. Der Wanderweg hat insgesamt 10 Stopps mit detaillierten Informationen in Schwedisch, Deutsch und Englisch und ist ca. 7 km lang. Mitten im Wald treffen wir den Langläufer wieder – die beiden freuen sich zu treffen und unterhalten sich eine Weile. Ich bilde mir ein, ich verstehe ein bißchen, doch tue ich das wirklich?

Um den See herum wurden im vergangenen Sommer Stege gelegt, so ist es kein Problem den nassen Untergrund zu bewältigen. In der Gegend, Gråstensmon, wurde früher Torf gestochen – ein Hauptbrennstoff für den schwedischen Ofen oder Herd. Der Wald durch den wir gehen, ist im privaten Besitz und dem Eigentümer ist es wichtig, einen gesunden Wald zu erhalten. Die Natur bedeutet den Schweden allgemein sehr viel. Es dürfen sich alle in der freien Natur aufhalten, sogar in Gebieten, die jemand anderem gehören. Dieses Recht heißt Jedermannsrecht (allemansrätt). Das Jedermannsrecht ist ein wichtiger Bestandteil der schwedischen Kultur. Manchmal wird es sogar als Nationalsymbol angesehen.

Trotzdem ist an dem angrenzenden Waldstück zu erkennen, wie ein Wald nicht gesund wächst, er gehört dem Staat und die Bäume wurden in einem Rutsch abgeholzt und neu nachgepflanzt, bedeutet, hier stehen nur kleine, junge Bäume. Wünschenswert, wenn auch sie gesund wachsen lassen würden.

Wir befinden uns hier übrigens auf dem, aus geologischer Sicht sehr wichtigem, Felsgebiet Gråstensmon. Hier fand man Gesteinsbildungen von der Schmelze des Inlandeises. Sprich, hier ist alles ziemlich alt und das auch noch be­wie­se­ner­ma­ßen.
Wäre hier nicht der See gefroren, wären bestimmt Badegäste da.
Der See diente schon früher zur Abkühlung der Arbeiter der Glasbläserei in Målerås.

Und dann erreichen wir endlich den ersten Troll, oder eine Trollin? In umgefallen Bäumen und Wurzeln sind sie hier überall zu sehen und entdecken. Und wer hat sie hier entdeckt, bzw. angelegt? Niemand geringeres als der nette Langläufer, den ich ja nun schon zweimal getroffen habe.

Es soll nicht mein letztes Mal sein, denn, im Anschluß geht es in die Glasfabrik von Målerås (Adresse: Industrigatan 20, 38042 Målerås) und da sehe ich ihn wieder und muß feststellen, er ist nicht nur Langläufer, Trollvater, Waldwegausbesserer und Jäger, sondern auch der Besitzer dieser Fabrik. Es ist niemand geringeres als Mats Jonasson. Ihm gehört die größte Glashütte Schwedens in Privatbesitz. 

Er ist Chefdesigner und Glaskünstler und einst in Målerås geboren und aufgewachsen. In Målerås an sich gibt es seit 1890 eine Glashütte in der damals Fensterglas produziert wurde. Heute konzentriert man sich hauptsächlich auf geschliffenes, gemaltes oder graviertes Kunst- und Dekorationsglas.

In der Ausstellungshalle befinden sich sowohl alte gravierte Meisterwerke als auch die allerneuesten Kreationen. Das Neueste ist eine sehr persönliche Kollektion Glas Schmuck von Mats Jonassons



Vom Restaurante / Café bekommt man einen direkten Einblick in die Arbeit in der Glashütte. Hier wird ganzjährig sowohl Glas geblasen, als auch gegossen. Ich möchte selbst auch einmal und bekomme wahrlich die Möglichkeit – danke!  

Carlos R Pebaqué, selbst ein Glasstar, ist hier heute am Werk und nimmt mich unter seine Fittiche. Nachdem er zur See gefahren ist und irgendwann von Uruguay aus nach Schweden zog, lernte er die Glaskunst, mittlerweile hat er schon sein 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Er hat den Schalk in den Augen und ich glaube ihm erst nicht, als er mir von den ganzen Patenten erzählt, die er entwickelt hat, doch es stimmt, ich hab gegoogelt  👀  

Carlos hat seine ganz eigene Technik für Kunstglas entwickelt, diese nennt sich CARA, bei ihr wird das Glas noch während des Blasens bemalt. Diese, seine Glaskunst findet man auf der ganzen Welt. Schweden vergibt jährlich an die in Rente gehenden Menschen keine Uhren mehr, sondern eins seiner Werke. Seit Jahrzehnten.

Zuerst einmal gibt er mir einen wichtigen Rat: Es geht immer um die Balance – auch beim Glasblasen. Zumindest, wenn es symetrisch werden soll. Nachdem ich mir eine Farbe für meine Vase oder Schüssel, noch muß ich mich nicht entscheiden, ausgesucht habe, geht es schon los. Wir nehmen via Stahlstab eine kleine Menge an Glas aus einem heißen Ofen und drehen sie in blauer Farbe. Danach wird das Glas ein wenig "aufgeblasen". Und zwar durch den hohlen Stahlstab – so gelangt Luft in das Glas, diese dehnt sie und damit es sich nicht nur in eine Richtung beult, dreht und dreht und dreht man das Glas. Ab und an auch mit einer Holzkelle oder dick gefaltenem Zeitungspapier, so bekomme ich die Möglichkeit das Glas noch zu formen. Immer wieder muß es ein bißchen größer geblasen werden, neu im Ofen erhitzt, blasen, drehen, formen, erhitzen ... bis die gewünschte Größe erreicht ist. Vorher kommt noch eine Glasschicht über meine bisherige Form und nochmal, blasen, drehen, formen, erhitzen, blasen, drehen ... so entsteht der eine besonders dicke und auch schöne Variante, bei der die blaue Schicht unter einer Glasklaren liegt. Ich entscheide mich für eine Vase, so müssen wir die Öffnung nicht so doll weiten.



Nach einer Stunde ist die Vase fertig, ich bin stolz wie Bolle, trotz dass sie nicht ganz symetrisch ist, sie ist ein Unikat und auch Carlos meint, ich hab mich gut angestellt. Ich soll auch hier in die Lehre kommen, sagt er ... ich überlege noch, doch es ist eine Option. 

Bis ich die Vase mitnehmen kann, dauert es noch etwas, das Glas muß erstmal zwei Tage aushärten – ich verabrede mich also direkt nochmal mit Carlos um die Vase gemeinsam zu schleifen, bzw. zu gravieren.


Denn, in Målerås wird auch graviert und repariert. Man kann sein wertvolles Kristal hier abgeben und es wird ausgebessert und erscheint wie neu. So viel Liebe im Handwerk, dass ich mir hier nochmal fester vornehme, mehr zu überlegen, was brauche ich wirklich? Ist es nötig es zu haben und, ist es in Serie und maschinell oder liebevoll via Hand gefertigt? In den Produkten hier liegt so viel Liebe zum Detail, ein Stück Seele geht in das Produkt über und macht es eigentlich unbezahlbar. Dies zu spüren ist schön.

Die kleinen und grossen Seelen der Natur - Trolle und Feen sind überall zu finden.

Nachdem ich mit Åke in der Fabrik zu Mittag esse und er mir eine Menge über die Natur der Gegend erzählt, mir aber auch dringend empfiehlt mal im Sommer wiederzukommen um hier Fahrrad zu fahren, geht es zu Målerås Läder, einer Ledermanufaktur um die Ecke. 
Hach, dieser Stuhl – wie gerne würde ich dich mitnehmen.
Danach habe ich kurz Zeit um zu verschnaufen und strecke die Beine auf dem Bett aus, bevor es nach Kosta Boda zum Julhyttsill geht. Hyttsill ist eine sehr alte Tradition im Glasreich, die von fast jeder Glasfabrik angeboten wird. Es geht auf die Zeit zurück, als die Glashütten der Treffpunkt im Dorf waren. Traditionelle Speisen werden in den Öfen zubereitet, in denen das Glas über Nacht stehen bleibt, um sich langsam abzukühlen. In der Weihnachtszeit wird das Hyttsill-Menü um eine Auswahl an weihnachtlichen Köstlichkeiten erweitert. Zudem erwartet mich dort eine musikalische Unterhaltung und eine Glasbläsershow.

Da ich zu früh dran bin, schlendere ich noch über den Kosta Julmarknad, der unter dem Motto steht: "Rote Glut und frostiges Eis". Auf dem Gelände der historischen Glashütte von 1742 hat sich alles in eine Winter-Wunder-Welt mit funkelnden Kristallen aus Glas und Eis verwandelt. An den Ständen werden Kunsthandwerk, Spielzeug und lokale Delikatessen angeboten, dazu Feuerschluckern und Lesungen. Wer hier nicht in Stimmung kommt, dem muß Weihnachten doch mal richtig vermiest worden sein. Ich finde es herrlich und stromer über eine Stunde durch die ganzen kleinen Wege, entdecke den Nikolaus und setze mich ein wenig in eine der Hütten – jetzt bitte einmal meine Freundinnen und Glühwein – hex hex.


Bei der Show zum Hytsill verstehe ich nichts, wirklich Nichts, denn ich bin die einzige Person die kein Schwedisch spricht. Um mich herum sitzen lauter Familien, die ihren Vor-Weihnachts-Urlaub hier verbringen. Macht aber nichts, denn mir wird immer wieder alles erklärt.

Sie sagen: "Vielleicht bist du allein hier hin gekommen, doch du bist nicht alleine hier!" Hach < 3
Da probiere ich glatt sogar die 46 unterschiedlichen Sorten Hering die es zum Abendessen gibt.


Glücklich und müde lande ich im Bett und schlafe sofort ein, denn am nächsten Tag geht es in die Glasfabrik der jungen, wilden Glasbläser und zu den Elchen – ja wirklich wahr, ich werde Elche sehen! 


Glasriket – du gefällst mir außerordentlich gut! 
Danke für die Einladung.

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