Glasriket Teil 2: 4 Tage in Småland, Schweden – Kingdom of Crystal.


Der erste Teil meiner Reise, die ersten zwei von vier Tagen durch Småland waren schon voller Ereignisse, wer die ganze Geschichte möchte, liest sich am besten nochmal ein. 

Am Sonntag, dem dritten Tag werde ich zur Glasfabrik in Boda fahren und eine Elchfarm besuchen. Wenn das nicht vielversprechend ist ... große Vorfreude. Doch bevor ich mich auf den Weg mache, schaue ich erstmal in die Kirche gegenüber der Kosta Lodges. Schließlich ist heute der dritte Advent und nach dem Kosta Julmarknad bin ich ja nun auch in Weihnachtsstimmung. 

Auch in der Kirche, bzw. auf dem umliegenden Friedhof sind kunstvolle Glassteine zu sehen – egal wo, die Tradition, bzw. die Kultur zieht sich durch alle Bereiche.

 
Für die sonntägliche Christmesse bin ich zu früh dran, denn um 10:00 Uhr bin ich bereits mit Rigmor in der Glasfabrik von Boda (Adresse: Storgatan 5, 360 65 Boda Glasbruk) verabredet, diese liegt in der Kommune Emmaboda. Was für mich bedeutet, erstmal etwa 20 Autominuten fahren. Rigmor und ihre Kollegin erwarten mich bereits und nach einem kleinen Plausch geht es direkt los, zuerst durch das Glasmuseum und im Anschluß in die Werkstatt.

Ich muß gestehen, auf diesen Termine habe ich mich besonders gefreut, denn, Jede/r den ich hier vor Ort kennengelernt habe, spricht von den "jungen Wilden in Boda". Na, eigentlich habe ich mich auf jeden einzelnen Termin gefreut, denn sie enthielten alle ganz einzigartige Überaschungen. Doch, ich bin natürlich neugierig auf diejenigen, die gegen die altbekannte Riege rebellieren, die keine klassische Glaskunst machen, sondern auch Skulpturen, die in Amerika im Fernsehen geschwärzt würden.


Was mir auch bereits in Kosta Boda und Målerås gut gefallen hat: Es gibt überall Platz für große Feste. Die älteren Öfen werden als Anschauungsobjekte behalten und in die Räumlichkeiten eine Menge Tische gestellt. Fast ist die Party fertig. 

Die Vergangenheit in Erinnerung, die Zukunft im Blick. Ganz im Sinne von Friedrich Schiller: "Am schönsten sind die Erinnerungen, die man noch vor sich hat."



Heute gehören zu der Fabrik, dem heutigen Glasstudio "Vet Hut", auch das Museum "The Glass Factory" und der skandinavische Designstore "Open" - auf über 1.000 m2 Ausstellungsfläche. So ist in Boda ein Zentrum für Design entstanden, was auch vom Design House Stockholm und der Gemeinde Emmaboda unterstützt wird. Go wird hier ein Stück der schwedischen Kultur bewahrt und zugleich ergeben sich damit immer wieder neue, spannende Zukunftsperspektiven für den Standort.

Doch zurück zu der Geschichte von "Boda Blassworks" – bereits 1864 gegründet und somit seit langer Zeit am Erfolg der Glaskunst in Småland beteiligt. Doch auch hier in Schweden gab es Krisen und ein Auf und Ab. So entwickelte Erik Rosén nach dem zweiten Weltkrieg 1947 ein neues Design-Profil für die Firma und legte damit einen Grundstein für eine neue Ausrichtung, die Zukunft und den Fortschritt. Er holte den Glasdesigner Erik Höglund zu sich und startete mit der Verpflichtung dieses jungen Künstlers die sogenannte "Art Glass Revolution", die auch international Beachtung fand. 

Handwerklichen Konventionen der Glasherstellung wurden ab dem Zeitpunkt durch experimentelle Arbeitsweisen ergänzt, Höglund arbeitete zum Beispiel mit Hilfsmitteln wie Sägespänen und Kartoffelschalen, um Blasen im Glas zu erzeugen. Die Bilder im Museum zeugen von dieser Zeit, die internationale Beachtung fand, auch Elvis Presley war von der Boda-Handwerkskunst begeistert.

Dank des Erfolgs wurde also auch weiterhin auf junge Designer und ihre bunte, moderne Glaskunst gesetzt. So war Boda zum Ende der 70er Jahre war Boda kommerziell erfolgreich und hatte sich auch zu einem Touristenmagnet mit bis zu 250.000 Besuchern pro Jahr entwickelt. Da die Geschäfte in den 90er Jahren wieder schlechter liefen, musste die Glasproduktion 2003 ersteinmal eingestellt werden. Mittlerweile, auch durch die Hilfe aus Stockholm wird hier wieder erfolgreich gearbeitet ... ausgestellt ... und gefeiert.

Dies alles lerne ich im Museum und sehe viele Glasstücke aus früheren Zeiten, sowie die Entwicklung der Kunst über die Jahre. Hier finden sich viele Glasobjekte von internationalen Künstlern in festen und auch immer wieder wechselnden Ausstellungen:  


Das blaue Gesicht ist von Erik Höglund.
Die Schneekugel, Snöbollen ist ein Teelichthalter und einer der Klassiker hier von Ann Wärff.
Die Skulptur oben rechts wurde für eine Kirche erschaffen, dort angebracht und im Anschluß der Brüste wegen wieder abmontiert. Nun ist sie im Museum zu bestaunen.
Die Schale ganz unten hat es mir besonders angetan, denn das Glas wurde von außen und innen unterschiedlich bearbeitet und wirkt so fast wie nicht zusammenhängend.
Die Innen- und Außenwelt.



Kreiselglaskunst von Monica Backström


Das Museum ist definitv einen Besuch wert. Mit mindestens drei, eher fünf Stunden Zeit.
Zwischendurch sind ja auch Pausen in den Cafés möglich.

Das Vulkanteelicht stammt aus der
Scenic Collection von Tillie Burden.
Die Fische im Beutel oder Glass von Amy Krüger.



Das Schwein, als auch das Glas, sind von Åsa Jungnelius –  ich bin ein kleiner großer Fan von ihren Werken.
Sie zum Beispiel war zuerst bei Kosta Boda und hat mittlerweile, neben ihrer Lehrtätigkeit ihre eigene Fabrik.
Zudem ist sie seit dem Herbst 2013, in Zusammenarbeit mit dem Museum, für den Betrieb für den Betrieb der Glashütte Boda verantwortlich.



Die Füchse wurden von Eva Reddy aus Irland gefertigt
Die Hasen hat Rebecca Arday aus den USA erschaffen.
Der "High Seat" stammt von Zdeňka Fusková aus der Tschechischen Republik.
Die Wale sind von Raven Skyriver, die auch aus den USA kommt.
Und HIER könnt ihr bei youtube sehen, wie so ein Wal entsteht.


Anatomy of a waffle bottle von David King, USA


Diese Kamera aus Glas ist ja wohl der OBERHAMMER!


A sore dream stammt von Mafune Gonjo aus Japan.


Diese wahnsinng schöne Ausstellung verdankt Boda auch der Verbindung zu Anders Färdig. Er ist der Gründer des Design House Stockholm und startete seine Karriere in den frühen 70ern persönlich bei dem Gründer Erik Rosén.

Wie sein Lehrer in Boda, machte er in Stockholm erstmal alles anders, anstatt Künstler zu engagieren, die exakt die Vorstellungen des Hauses umsetzen, fungiert das Design House Stockholm eher als ein Verlagshaus für unabhängige Designer. Hier können sie ihre Ideen präsentieren und gemeinsam mit dem Unternehmen kommerzielle Produkte entwickeln.

Und nun wieder ein bißchen Action, denn die Glashütte Boda befindet sich ja im Museum, diese "The Glass Factory" ist der pulsierende Mittelpunkt und die Hütte ein kreativer Treffpunkt. An diesem Sonntag treffe ich hier auf Tillie Burden, die heute an ihren Skills arbeitet, dabei jedoch "nur" versucht ihre eigene Arbeit zu optimieren, ohne an einer bestimmten neuen Form oder an einem Kunstwerk zu arbeiten.

Und auf Amy Krüger und Niels Frandsen aus Dänemark. Sie arbeiten gerade an Musiknoten, die sie an Weihnachten der Familie an den Baum hängen wollen ... und siie zugleich als Geschenke nutzen – wie praktisch.



In die "The Glass Factory" sind nationale und internationale Handwerker, Künstler und Designer eingeladen, zu experimentieren und neue Ausdrucksformen zu finden. Wer in der Gegend ist, sollte sich diesen Stop nicht entgehen lassen. Ob Glaskünstler/in oder Zuschauer/in.




Mein Magen knurrt und ich mache mich auf zum Lunch in das Cafe Café Hos Oss in Pukeberg, Nybro. Es liegt ca. 15 Minuten mit dem Auto von Boda entfertn und befindet sich in einer alten Tankstelle für eine, natürlich, alte Glasfabrik. (Pukebergarnas väg 24, 382 34 Nybro).

Ich habe jetzt allerdings erstmal genug Glaseindrücke bekommen und brauche etwas Abwechslung, ich möchte noch das schwedische Wahrzeichen schlechthin treffen, also geht es in den Glasrikets Elkpark (Långa Slät 314, 382 96 Nybro), von hier aus nur ca. 10 Minuten Fahrt.

Der Elchpark ist zu dieser Jahreszeit eigentlich geschlossen und das Gelände wird optimiert und daran gewerkelt, doch nun bin ich schonmal da und Michael & Anneli Högström Karlsson öffnen für mich ihre Türen, um mir ihre Lamas und Elche zu zeigen.

Im Glasrikets Elchpark begegnen ich den Elchen endlich in ihrer fast ganz natürlichen Umgebung. Natürlich treffen sie hier irgendwann auf eine Begrenzung via Zaun, doch sie haben einen recht großen eigenen See zum Baden und auch die Möglichkeit sich in das wäldliche Unterholz zurückzuziehen, wenn ihnen der Trubel zu viel ist. Hier sind sie allerdings nicht scheu und eine Elchdame lässt sich sogar von mir streicheln. Ok, es liegt wohl eher an dem Ast mit frischen Knospen, den ich auch noch in der Hand habe, doch gestreichelt, ist gestreichelt. Anneli und Michael beantworten mir jegliche Frage die ich habe und so erfahre ich, dass den Elchbullen ihr Horn entfernt, kurz, bevor sie es von selbst abwerfen, damit sie nicht anfangen, kurz vor dem eigenen Abwurf, miteinander zu kämpfen. Dies tun die Stirnwaffenträger nämlich erst, wenn ihr "Geweih" sich selbst gehäutet hat und es nicht mehr durchblutet ist. Vorher sind sie untereinander sehr genügsam und scheu. 

Eines der Hörner wiegt ca. 10kg  💪🏼 So ein Elch wiegt bis an die 800kg – für ihn also ein Witz sie mit sich rumzuschleppen. Kein Witz für die Autofahrer, die in Schweden auch immer wieder mit ihnen kollidieren. Denn die Masse ist nicht nur für die Elche, sondern auch für den Fahrer äußerst kritisch. Jährlich werden etwa 3000 Elche auf Schienenwegen und Straßen getötet. Die häufigsten Unfälle geschehen im Frühjahr, wenn die Jährlingskälber von ihren Müttern verstoßen werden und in der Brunftzeit, wenn unberechenbare Bullen auf die Straßen laufen.  Da Elche auch hohe Zäune überwinden ist es gar nicht so leicht, diese Zahl zu bannen.

Die Beiden laden mich dazu ein im Sommer nochmal vorbeizuschauen, denn da besteht auch die Möglichkeit mit einer geführten Tour in einem Planwagen ins Gehege zu fahren. Ich bin schon happy, dass ich jetzt die Lamas füttern darf, alle haben so individuelle Gesichter und sind unfassbar neugierig. Doch so nah, dass sie mir aus der Hand fressen würden, kommt mir keiner.

 

Am nächsten Morgen schlafe ich aus und bummel gemütlich in den Tag, bevor ich zurück zur Fähre fahre, mache ich mich noch einmal auf den Weg zu Carlos nach Målerås - schließlich wollen wir die Vase ja auch noch siginieren.  


Im Anschluß mache ich mich auf den Weg nach Göteborg, zurück, vorbei an den Seen der Gegend, diesmal mit meist strahlend blauem Himmel. Um 18:45 Uhr geht die Methanolfähre Stena Germanica von Stena Line zurück nach Kiel und, über Nacht gelange ich zurück nach Deutschland.




Der zweite Teil, dieser, wurde nur unwesentlich kürzer als Teil 1 meiner Reise durch Småland. Fast fünf Tage mit unzähligen neuen Eindrücken und einer Gegend, die ich mir im Sommer gern nochmal ansehen möchte. Und, ich habe Lust auf Langlaufen. ... 

Danke an Glasriket für die Einladung – du, diese Gegend, die Menschen hier gefallen mir noch viel besser als nur gut! 


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