Über die dunkle Seite des Paradieses. Ein Interview mit dem Ex-Präsident der Malediven: Mohamed Nasheed.

Bislang hatte ich den Gedanken, das Traumland auf Erden müsste sich auf den Malediven befinden. Also fing ich an mich ein wenig damit zu be...

Bislang hatte ich den Gedanken, das Traumland auf Erden müsste sich auf den Malediven befinden. Also fing ich an mich ein wenig damit zu beschäftigen ...

Die Maschine aus Frankfurt am Main braucht für den Flug knapp 10 Stunden. Von oben, aus dem Flugzeug betrachtet, scheint alles idyllisch zu sein: türkis schimmerndes Wasser, kleine Inseln mit Palmen und weißen Sandstränden, von denen sich lange Holzstege in den Indischen Ozean schieben, an den Seiten auf Betonpfählen stehen Überwasserbungalows. Die Malediven sind für viele Urlauber ein touristisches Traumziel: Auf den rund 1.200 Eilands sinkt das Thermometer selten unter 29 Grad Celsius. 

Der Inselstaat im Indischen Ozean besteht zu 99 Prozent aus Wasser und wird auch als das "größte Aquarium der Welt" bezeichnet. Mehr als 1.000 Fischarten gibt es um die 26 Atolle und zahllosen Riffe. Ein wahres Paradies für Taucher, Schnorchler und Meeresfans.
Dafür müssen alle Dinge des täglichen Lebens importiert werden: jede Limonadenflasche, jede Arznei und jeder Barrel Öl. Knapp 340.000 Einwohner leben in der islamischen Republik und über eine Million Touristen kamen im letzten Jahr – Tendenz steigend. Zunehmend sind es Wellness-Touristen, die sich in großen luxuriösen Resorts verwöhnen lassen. 2013 waren es fast 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das allein vom Tourismus erwirtschaftet wurde. Die Besucher steuern 60 Prozent der Deviseneinnahmen bei sowie über 90 Prozent der Steuer- und Zolleinnahmen. In der Fischerei, dem zweitgrößten Wirtschaftszweig, arbeiten hingegen nur 11 Prozent der Erwerbstätigen.

Doch jenseits des Luxustourismus regiert auf den Malediven eine Autokratie, für die Demokratie ein Fremdwort ist. Wer mal in die Hauptstadt Malé kommt, dort kann man die dunkle Seite der Malediven besichtigen, eine Parallelwelt mit schmucklosen Wohn- und Bürotürmen, zwischen denen es kaum Grünflächen und Parks gibt, dafür aber Unmengen an Motorrädern und Umweltverschmutzung. Überall drängen sich Menschen, darunter viele Gastarbeiter aus Bangladesh, Nepal und anderen "Drittweltländern". Die Wohnungsmieten sind aberwitzig hoch, der Drogenkonsum ist ein Problem, das Auswärtige Amt warnt vor Bandenkriminalität. Dazu kommen Demonstrationen von Sympathisanten der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). Repressionen gegen die politische Opposition stehen an der Tagesordnung, Journalisten verschwinden spurlos, und viele Oppositionsführer sitzen in Haft oder aufgrund fadenscheiniger Beschuldigungen auf der Anklagebank.

Mohamed Nasheed, 48 Jahre alt, war von 2008 bis 2012 Präsident des Inselstaats: der erste demokratisch gewählte Regierungschef der Malediven. Damals feierte das ganze Land Nasheeds Wahlerfolg. Zuvor hatte der Autokrat Maumoon Abdul Gayoom die Geschicke des Inselstaats über dreißig Jahre lang kontrolliert. In dieser Zeit war Nasheed als Menschenrechtsaktivist tätig. Deshalb blieb er dem Gayoom Regime stets ein Dorn im Auge, für sechs Jahre wurde Nasheed inhaftiert, achtzehn Monate saß er in Einzelhaft und wurde auf der berüchtigten Gefängnisinsel Dhoonidhoo gefoltert.

Als Nasheed Präsident wurde führte er in seiner Amtszeit die Krankenversicherung und Mutterschutzgesetze ein, eine kommunale Selbstverwaltung, einen Busdienst in Malé und Fährverbindungen zwischen den Inseln. Bis dahin hatte es kein öffentliches Verkehrssystem gegeben. Nasheed erließ ein Steuergesetz, um all das zu finanzieren: Erstmals mussten die Resortbesitzer Steuern zahlen. Nasheed wohnte in keinem pompösen Palast, er öffnete das Land für Flüge der israelischen Fluggesellschaft El Al, und er kümmerte sich um die Umwelt.


International bekannt machte ihn eine Kabinettssitzung, die er auf dem Meeresgrund abhielt. Damit wollte Nasheed darauf aufmerksam machen, dass seine Heimat durch den Anstieg des Wasserspiegels - verursacht durch den Klimawandel - zu versinken droht. Sein Umweltengagement beim Klimagipfel 2009 in Kopenhagen, seine Verhandlungen mit anderen Inselstaaten und Indien sowie seine Rhetorik beeindruckten viele innerhalb der Weltgemeinschaft. Manche sahen in ihm den ersten "Klimapräsidenten" der UN.

2012 wurde er aus dem Amt geputscht, sagt Nasheed – eine Einschätzung, die viele politische Beobachter teilen. Bei der Wahl ein Jahr später gewann Nasheed den ersten Wahlgang, verpasste aber die absolute Mehrheit. Das Oberste Gericht annullierte die Wahl unter fragwürdigen Umständen. Mehrere Wahltermine folgten, wurden verschoben, bis der jetzige Präsident Abdulla Yameen, ein Halbbruder des langjährigen Diktators Gayoom, überraschend als Sieger aus den Wahlen hervorging. Dem alten Regime nahestehende Kräfte gewannen schnell wieder an Einfluss, unterstützt von konservativen islamistischen Gruppierungen. 

Immer wieder gibt es Übergriffe der Polizei auf Nasheed und die Anhänger seiner "Maledivischen Demokratischen Partei" MDP, berichtet Amnesty International. Sogar ein osteuropäisches Killerkommando hatte man auf Nasheed angesetzt. Seitdem kämpfte Nasheed aus der Opposition heraus gegen das Regime.
Der vorläufige Höhepunkt der Willkür: 2015 wurde der Meereswissenschaftler verhaftet und zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Einen Verteidiger hatte man ihm während des Prozesses nicht gewährt, einer von Nasheeds Anwälten wurde Opfer eines Attentats. Der Geheimdienst sei darin verwickelt, besagen Gerüchte. Das Gericht in Malé begründete die Verhaftung damit, dass Nasheed während seiner Amtszeit gegen nationale Anti-Terrorismus-Gesetze verstoßen habe. Tatsächlich hatte er 2012 einen ranghohen Richter unter Korruptionsvorwürfen festnehmen lassen. Die Richter urteilten, Nasheed habe den Richter damals "entführt" und damit einen Terrorakt begangen. 

Ein "politisch motivierter Scheinprozess", urteilten Amnesty International, Indien und die Vereinigten Staaten. Das UN-Menschenrechtskommissariat kritisierte das Verfahren als "unfair". Die Verurteilung sei "willkürlich und unangemessen" gewesen. Christoph Strässer, ehemaliger Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe sah Grund zur Annahme, dass "gegen nationales und auch internationales Recht verstoßen wurde".

Ende Januar erreichten die international renommierten Menschenrechtsanwälte Amal Clooney, Ben Emmerson und Jared Genser, dass Nasheed mit seiner Ehefrau und seinen beiden Töchtern aus medizinischen Gründen die Malediven verlassen durfte.

Von links: Jared Genser, Mohamed Nasheed and Amal Clooney via NBC NEWS

Mohamed Nasheed ist Botschafter der Klimaschutzorganisation 350.org, die den alternativen Nobelpreis erhalten hat, und Träger des "Anna-Lindh-Award", der ihn für sein Menschenrechtsengagement auf den Malediven verliehen wurde (benannt nach der ermordeten schwedischen Außenministerin). 2010 erhielt er dem Umweltpreis der UN ("Champions-of-Earth-Award"), 2012 der "James-Lawson-Award" für sein gewaltfreies Engagement. Das US-Magazin Newsweek nahm ihn in die Liste der "10-besten-Führer-der Welt" auf.

Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hat 2015 eine parlamentarische Anfrage eingebracht und die Abgeordneten des EU-Parlaments die Achtung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf den Malediven gefordert. 

Jürgen Trittin, Mohamed Nasheed und Michael Marek beim Interview in London

Vor ein paar Wochen führten Michael Marek und der ehemalige Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) ein Interview mit Mohamed Nasheed in London. Fast wäre ich selbst mitgeflogen, doch leider ... ach was soll es, Nasheed ist ein wahnsinnig interessanter Gesprächspartner und die beiden Herren haben es natürlich wunderbar gemacht, lest euch mal rein:

Herr Nasheed, die maledivische Regierung hat Sie überraschend ausreisen lassen. Warum?

Ich bin nach London gekommen, um meinen Rücken medizinisch versorgen zu lassen. Das autoritäre Gayoom Regime hatte mich ja ins Gefängnis gesteckt, ich habe 18 Monate in Isolationshaft verbracht, ich wurde mehrfach gefoltert, man hat mir den Rücken gebrochen. Mein deutscher Arzt hilft mir, so gut er kann. 

Ihnen wurde 2015 erneut unrechtmäßig und unter fadenscheinigen Vorwänden der Prozess gemacht. Anschließend verurteilte man sie zu 13 Jahren Gefängnis. Die UN, das EU Parlament und Amnesty International haben das Vorgehen der maledivischen Regierung vehement kritisiert. Wieso hat man Sie jetzt ausreisen lassen?
 
Das geschah auf internationalem Druck hin - vor allem, weil sich Indien, die USA, Großbritannien und Deutschland für mich eingesetzt haben. Ich kenne die Motive nicht, warum der jetzige Präsident Abdulla Yameen, ein Halbbruder des langjährigen Diktators Gayoom, mich und die gesamte politische Opposition verhaften ließ. Vermutlich aber hat er sich für politisch stark genug gehalten. Aber das Vorgehen hat ihn nicht gestärkt. Heute ist Yameen zunehmend isoliert – von seiner eigenen Partei, dem Militär und der Polizei. Die Malediver gehen auf die Straße und demonstrieren für unsere Freilassung. Mit meiner Ausreise hat Yameen nach einem Ausweg gesucht, auch um sein eigenes Gesicht zu wahren. Aber letztlich entscheidend war der internationale Druck.

via BBC NEWS

Gibt es eine Vereinbahrung zwischen dem Regime und Ihnen? 

Nein, es gibt keine Vereinbarung mit dem Regime. Ich sage, unglücklicherweise gibt es kein Übereinkommen. Denn wir wollen die Demokratie auf den Malediven wieder herstellen, und dafür brauchen wir eine Verständigung. 

Lassen Sie uns über Cherie Blair sprechen. Die Gattin des ehemaligen Premierministers Tony Blair hat für ihre Kanzlei "Omnia Strategy" die Regierung der Malediven gegen Sie vor Gericht vertreten – angeblich für eine sehr hohe Summe. Ein "politisch motivierter Scheinprozess", urteilten Amnesty International, Indien und die Vereinigten Staaten. Waren Sie enttäuscht über Frau Blair?

Ich bin natürlich sehr traurig über ihr Engagement für die Regierung der Malediven. Ich denke, dass Frau Blair anfangs nicht gut informiert wurde. Aber später hätte sie das korrigieren können. Vielleicht dachte sie auch, Einfluss auf die Regierung sozusagen durch die Hintertür nehmen zu können. Aber das ist nicht geschehen. Sie ist die Gattin eines Ex-Premierministers, und meine Prinzipien sagen mir: Wenn man Premierminister wird, bleibt man es - auch nach Amtsende. Man sollte sich zur Ruhe setzen und nicht Dinge wegen des Geldes machen. Als ehemaliger Amtsinhaber sollte man sozusagen in Armut sterben, verstehen Sie was ich meine? Churchill konnte nicht einmal seine Rechnungen bezahlen, bevor er starb. 

Wie stellt sich die politische Situation auf den Malediven dar?

Bis 2008 gab es auf den Malediven eine autokratische Einparteienherrschaft. Dann konnten wir, die demokratische politische Opposition, die erste Mehrparteienwahl durchsetzen. Damit haben wir sozusagen das "Sultanat" hinter uns gelassen. 1965 wurden wir unabhängig und eine Republik. Das war aber nicht gleichbedeutend mit freier Meinungsäußerung, Demokratie und der Wahrung der Menschenrechte. Dann folgte – von 2005 bis 2008 - eine Zeit der Proteste im ganzen Land. Viele junge Leute wollten, dass sich politisch etwas ändert, wollten eine neue Verfassung. Präsident Gayoom war damals im Amt. Wir wollten ihn davon überzeugen, dass es Zeit war für demokratische Veränderungen, dass wir einen Mehrparteienstaat brauchten. Wir hatten Glück, dass wir aus dem Nichts tatsächlich eine Partei gründen konnten. Aber: Man kann einen Diktator stürzen, trotzdem es ist nicht so einfach, die Kultur einer Diktatur zu verändern. Ihre Fangarme umklammern noch immer unsere Gesellschaft. Während meiner Amtszeit haben wir es nicht geschafft, die Demokratie in unserer Verfassung zu festigen.

via United States

Ist der Prozess der Demokratisierung auf den Malediven damit gestoppt oder gar beendet?

Nein, denn wir konnten erstmals in der Geschichte unseres Landes politische Strukturen aufbauen. Wir haben es geschafft, eine demokratische Partei zu gründen. Unsere politischen Gegner mussten uns nachahmen, und so entstand ein politisches Parteiensystem. Präsident Yameen kann nicht mehr hinter die Verhältnisse der 1970er und 1980er Jahre zurück. Es gibt in der jetzigen Regierung eine Auseinandersetzung zwischen reaktionären Kräften, die keine Demokratie wollen, Konservativen und militanten Islamisten. Aber sie haben keine Mehrheit in der Bevölkerung, und ihnen fehlt die Legitimität. Präsident Yameen ist schwach, ich glaube nicht, dass er nächstes Jahr noch im Amt sein wird.
Unsere Regierung ist eine Bedrohung für die internationale Sicherheit: Es gibt Machtmissbrauch, Geldwäsche, Menschen- und  Drogenhandel, der islamistische Terrorismus wird bei uns finanziert, Menschen werden für den Dschihad in Syrien und im Irak rekrutiert. Präsident Yameen steckt in echten Schwierigkeiten. Wir haben es mit einer tickenden Zeitbombe zu tun. 

Was sind die Gründe für den Aufstieg des IS auf den Malediven?

Es gibt diese typischen Argumente: Arbeitslosigkeit, soziale Benachteiligung, mangelnde Bildung und so weiter. Aber ich glaube, der Islamische Staat ist vor allem ein ideologisches Phänomen. Als Kinder wurden wir im Sinne eines liberalen und toleranten Islam erzogen. Der Islamismus ist bei uns seit den 1970er Jahren auf dem Vormarsch. Konservative Imame aus Saudi Arabien brachten damals die Lehren ins Land. Als Diktator Gayoom die Macht übernahm, unterdrückte er alle politischen Gegner. Religion wurde zur einzigen Möglichkeit, sich gegen das Regime zu stellen. Heute haben wir Menschen, die sich offen zum Islamischen Staat bekennen. Die meisten gehören Straßengangs ans, sind ehemalige Militärs, Strafgefangene, denen die Unbarmherzigkeit zur zweiten Natur geworden ist. Aber die ganz überwiegende Mehrheit der Malediver will in Frieden leben und verteidigt ihre Werte. 

Sollte der Westen die Malediven mit Sanktionen belegen?

Um einen kontrollierten und friedlichen Übergang zu gewährleisten, brauchen wir die Hilfe der internationalen Gemeinschaft und besonders von Deutschland. Gezielte Sanktionen gegen die Regimeführung sind notwendig. Damit verstoßen sie nicht gegen ihre Prinzipien, wir brauchen auch keine finanzielle Unterstützung. Es geht allein darum, vielleicht fünf Personen mit einem Aufenthaltsverbot in Deutschland und Europa zu belegen. Wenn das geschieht, wird das Regime zusammenbrechen. 

Sollten Touristen weiterhin auf die Malediven fahren, oder sind Sie für einen Boykott? 

Ich halte gezielte Sanktionen für sinnvoll. Einen Boykott lehne ich ab, weil er vor allem unsere Bevölkerung trifft. Die Machthaber würde ein solcher Boykott wenig kümmern. Meine Botschaft lautet deshalb: Besuchen Sie weiter die Malediven, kommen Sie zu uns! Aber zugleich sollte die Bundesregierung mit gezielten Sanktionen gegen vielleicht fünf Personen des Regimes vorgehen. 

Was würde noch helfen?

Ganz sicher ein Telefonat der Vorstandsvorsitzenden der großen Reiseveranstalter wie TUI, DER oder Thomas Cook mit dem Präsidenten der Malediven. Darin sollten sie die Freilassung aller politischer Gefangener fordern. 

Das ist bislang nicht geschehen ...

Stimmt, und warum nicht? 

Die Touristik-Unternehmen haben Angst, Geld zu verlieren … 

Wenn die Reiseveranstalter so denken, dann bitte ich die deutschen Touristen bei Portalen wie booking.com ihre Reise auf die Malediven zu buchen. Ich mag Kapitalismus, aber wenn die Unternehmen denken, das ihr Gewinn wichtiger ist als unser Leben, dann wende ich mich an die Urlauber: Buchen Sie auf Internet-Portalen oder direkt bei den Hotels! Die Touristik-Unternehmen tragen eine Verantwortung. 

Der Terror des „Islamischen Staat“ (IS) hat dazu geführt, dass die Touristen wieder verstärkt nach Spanien und Griechenland reisen. Länder wie Ägypten, Marokko, Tunesien und die Türkei leiden darunter. Etwa 200 Bürger ihres Landes haben sich dem IS angeschlossen. Kann der islamistische Terrorismus dazu führen, dass niemand mehr auf die Malediven reisen will?

Die deutschen Besucher müssen wissen, dass wir auf den Malediven unter einem Schurkenregime leben, dem alles zuzutrauen ist. Bei uns wird Schwarzgeld gewaschen, der IS rekrutiert Gefolgsleute für den Syrien- und Irak-Krieg. Wir haben eine Regierung, die mit radikalen Kräften im Parlament zusammenarbeitet. 

Ist das nicht verlogen: den Islam zu predigen und in den Luxusresorts Cocktails zu servieren?   

Richtig, der Fundamentalismus gedeiht geradezu auf dieser Scheinheiligkeit. Diese Leute trinken Alkohol und predigen Wasser. Das ist Heuchelei. Denken Sie nur an den 11. September: In der Nacht vor dem Anschlag waren die Attentäter in einer Bar und tranken Alkohol. 

Nach dem Motto: vom Teufel lernen?

Die Situation bei uns auf den Malediven ist besorgniserregend und traurig. Die Fundamentalisten sitzen in der Einwanderungsbehörde, im Zoll, im Militär- und Polizeiapparat. Sie versuchen unseren Staat von innen auszuhöhlen, wie eine fünfte Kolonne. 

Während in den Resorts der Reichtum regiert, ist die Bevölkerung der Malediven arm. Wenn es mit dem Luxustourismus so weitergeht, besteht da nicht die Gefahr, dass es zu Übergriffen auf Touristen kommt?

Ausschreitungen durch religiöse Extremisten sind jederzeit möglich. Zugleich benutzen die radikalen Islamisten die Malediven und ihre Volkswirtschaft zur Geldwäsche von Schwarzgeld. Für sie ist unser Land eine wichtige Basis, deshalb werden sie die Malediven derzeit militärisch nicht attackieren. Sie benutzen unser Land zur Rekrutierung von Gefolgsleuten und als Sprungbrett für Sri Lanka, Bangladesh und Malaysia – für den Indischen Ozean insgesamt. Das Militär ist in sich gespalten, es gibt keine Loyalität zu niemand. Manche Militärs neigen der demokratischen Opposition zu, manche zeichnen sich durch Untertanentreue zum Präsidenten aus, andere stehen den religiösen Extremisten nahe. Wir sitzen auf einer tickenden Zeitbombe, Ausschreitungen sind denkbar. Daran habe ich gar keine Zweifel. 

Sie sind für Ihr Umweltengagement bekannt geworden, haben eine Regierungssitzung unter Wasser abgehalten. 2009 in Kopenhagen sahen viele in Ihnen den ersten "Klimapräsidenten" der UN. Es gibt sogar einen Dokumentarfilm "The Island President" über Sie, der Ihre Verhandlungen zeigt. Wie bewerten Sie den Klimagipfel von Paris 2015? 

Meine Botschaft, hier aus dem Exil, lautet: Eine CO²-neutrale Gesellschaft ist möglich - und notwendig. Das bedeutet sich vom Bild der rauchenden Schlote, das seit Beginn der Industrialisierung mit der Verbrennung fossiler Energieresourcen existiert, zu verabschieden. Eine nachhaltige, kohlenstoffneutrale Wirtschaft mit gleichbleibendem Bruttoinlandsprodukt und ohne Verlust an Arbeitsplätzen ist durch erneuerbare Energieträger möglich. Aber wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, wie man diese Strategie in politisches Handeln umsetzt, wie man Parteien dafür gewinnt, wie man Programme entwickelt. Wir müssen ansetzen, bevor eine Partei eine Wahl gewinnt oder verliert. Dann versinken die meisten in eine Art Winterschlaf. Wenn wir etwas bewegen wollen, müssen wir vorher Einfluss nehmen. 

http://theislandpresident.com/

Auf dem UN-Klimagipfel in Paris sollten durch eine neue internationale Klimaschutz-Vereinbarung Regeln über CO2-Reduktionen beschlossen werden. Einige Staaten wurden aufgefordert, freiwillige Selbstverpflichtungen abzugeben. Aber die blieben vage, obwohl die Europäer mit Deutschland vorangegangen sind. Auch die Schwellenländer müssen ein CO²-neutrale Strategie entwickeln. Sie haben gar keine Alternative, sonst werden die Menschen in ihren Städten eines Tages nicht mehr atmen können.

Ein wichtiger Punkt während meiner Präsidentschaft war die Frage nach der Energie. Wir wollten eine CO²-neutrale Gesellschaft aufbauen und darauf verzichten, fossile Energieträger zu verbrennen. Außerdem ist Öl für uns auf den Malediven sehr teuer. Wir dachten, dass Solar- und Windenergie für die Malediven gut machbar seien. Also haben wir einen klimaneutralen Plan ins Leben gerufen. Die deutsche Bundesregierung hat uns bei einigen Projekten unterstützt. Leider sind wir noch sehr weit davon entfernt, CO²-neutral zu sein. Präsident Yameen verfolgt eine andere Richtung und lässt nach Öl bohren. Doch das ist weder finanziell umsetzbar, noch ökologisch ratsam. 

Es gibt in Deutschland einen kleinen Ort, Jühnde. Dort haben die Bürger entschieden, 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzusteigen. Außerdem gehörten ihnen die Biogas- und Windturbinenanlagen. Die Frage ist, kann man das auf andere, größere Städte übertragen? 

Man kann dieses Modell auf einen Ort, sagen wir, in Sri Lanka übertragen. Aber nur unter einer Bedingung: Es muss dort ein demokratisches System geben! Und es muss Unterstützung, meinetwegen von Seiten der UN geben. Aber das muss geschehen, bevor dort politische Wahlen stattfinden. 

Wenn Sie drei Wünsche hätten, welche wären das? 

Ich wünsche mir einen CO²-neutralen Entwicklungsplan für die Welt – auch für die Schwellenländer. Für die Malediven wünsche ich mir eine demokratische Regierung, eine tolerante Gesellschaft und bessere Lebensbedingungen. Das heißt nicht, nach den Sternen zu greifen. Was wir wollen ist sehr, sehr bescheiden. Die Malediven sind ein reiches Land, und wir wollen, dass die Leute ihren rechtmäßigen und fairen Anteil an diesem Reichtum erhalten Und drittens, ein gegenseitiges Verständnis aller Religionen, damit es weniger religiös motivierte Konflikte gibt. Schließlich wollen doch alle Religionen ein friedliches Zusammenleben der Menschen. 

Wann werden Sie nach Deutschland oder die Schweiz kommen? 

Sobald es mir möglich sein wird, zu reisen. 

Dann müssen Sie Jühnde besuchen … 

Sehr gerne, denn Politik ist eigentlich gar nicht meine Sache. Ich habe Ozeanografie studiert, ich bin eigentlich Autor und würde mich am liebsten mit Fragen umweltfreundlicher Energien und Umweltschutz beschäftigen.

via The Hindu

Ganz lieben Dank an Michael für die Möglichkeit dieses Berichts und all seine Infos!!!

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