"Was ich noch sagen wollte..." von Katharina Mindt gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Es ist tatsächlich erst das zweite Buch in meinem Leben, bei dem ich geweint habe. Nicht, weil es mit großen dramatischen Momenten arbeitet. Sondern weil es so leise erzählt. So ehrlich. So menschlich.
Im Mittelpunkt stehen die 88-jährige Elli und ihre Enkelin Clara. Während Elli mit ihrer Demenz zunehmend Erinnerungen verliert und in ein Pflegeheim zieht, beginnt Clara, das Haus ihrer Großmutter in Lüneburg auszuräumen. Zwischen alten Briefen, Dokumenten und längst vergessenen Spuren stößt sie auf ein Familiengeheimnis, das bis in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs zurückreicht. Vergangenheit und Gegenwart verweben sich dabei auf eine Weise, die einen Seite für Seite tiefer in die Geschichte zieht.
Als ich den Klappentext gelesen habe, dachte ich zunächst, ich würde einen Roman über Demenz lesen. Bekommen habe ich so viel mehr.
Es ist eine Geschichte über Erinnerungen und darüber, was einen Menschen ausmacht. Über Familie, Liebe, Schuld, Mut und die Entscheidungen, die Generationen überdauern können. Vor allem aber erzählt Katharina Mindt von Menschen – mit all ihren Ecken, Widersprüchen und ihrer Verletzlichkeit. Genau das hat mich so berührt.
Alzheimer war für mich nie völlig fremd. Während meines ersten Praktikums in einem Seniorenheim bin ich Menschen begegnet, die mit dieser Erkrankung lebten. Später hat sie auch mein Umfeld gestreift. Trotzdem hat mich dieses Buch auf eine Weise berührt, die ich nicht erwartet hätte.
Vielleicht, weil Elli nie auf ihre Diagnose reduziert wird. Sie bleibt ein Mensch mit einer Geschichte, mit Gefühlen, mit Humor und mit einer Vergangenheit. Und genau darin liegt für mich die große Stärke dieses Romans: Er erzählt nicht von einer Krankheit. Er erzählt vom Leben.
Und dann ist da noch Lüneburg. Ich lebe hier. Viele Straßen, Gassen und Plätze gehören längst zu meinem Alltag. Umso schöner war es, sie plötzlich durch die Augen dieses Romans zu sehen. Beim Lesen entstanden vor meinem inneren Auge Bilder. Jedes mal, wenn ich das Buch zugeklappt hatte, ertappte ich mich dabei, genau diese Orte suchen zu wollen. Ich blieb an Ecken stehen und fragte mich: Könnte diese Szene hier gespielt haben? Ist das vielleicht das Haus, das Katharina vor Augen hatte?
Gute Bücher verändern manchmal den Blick auf die Welt. Dieses hat meinen Blick auf Lüneburg verändert.
Was mich außerdem beeindruckt hat, ist die Sprache. Katharina schreibt ruhig und unaufgeregt. Ohne Pathos, ohne künstliche Dramatik. Gerade dadurch entfalten viele Szenen ihre ganze Kraft. Oft sind es die kleinen Gesten, ein Blick, ein Satz oder eine Erinnerung, die mehr auslösen als jedes große Ereignis.
Als ich die letzte Seite gelesen hatte, musste ich das Buch erst einmal geschlossen auf meinem Schoß liegen lassen. Nicht, weil ich wollte, dass die Geschichte endet. Sondern weil ich mich von ihren Figuren noch nicht verabschieden wollte.
"Was ich noch sagen wollte..." ist für mich ein Roman über das Erinnern und das Vergessen. Über die Spuren, die Menschen in unserem Leben hinterlassen. Und darüber, dass manche Wahrheiten Jahrzehnte verborgen bleiben können, ohne jemals ihre Bedeutung zu verlieren.
Es ist ein stilles Buch. Eines, das nicht laut um Aufmerksamkeit bittet, sondern sie sich mit jeder Seite verdient. Und vielleicht sind genau das die Geschichten, die am längsten in uns weiterleben.
Was ich noch sagen wollte ... von Katharina Mindt
Danke für das Leseexemplar 💖





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