Istanbul – deine Nacht macht mich wach, der ganze Tag glücklich

Istanbul ist die Stadt der zwei Gesichter. Schon bei meinem letzten Besuch ist mir aufgefallen, diese Stadt vereint Altes und Neues , was n...

Istanbul ist die Stadt der zwei Gesichter. Schon bei meinem letzten Besuch ist mir aufgefallen, diese Stadt vereint Altes und Neues, was nicht nur auf die Gebäude, sondern auch für die Menschen zutrifft. Traditionelle Kulturen und teils verschrobene Ansichten gehen zu dem selben Gemüsehändler wie freigeistige, moderner lebende Menschen. Lange Zeit störte sich niemand daran und Neu und Alt lebten nebeneinander, doch in letzter Zeit wird dies vor allem durch die Politik immer extremer. Was jedoch niemanden daran hindern sollte, die Schönheit dieser Stadt zu erkunden. 

Dafür hatte ich diesmal vier Tage Zeit und nach dem ersten Abend in Taksim, ging es Samstag früh auf ein Sultan Boot, mit dem wir das "Goldene Horn", eine lange Bucht des Bosporus, abfuhren. Zwischen den Welten gleitet das Sultanboot leise durch die goldene Morgensonne, neben uns gibt es nur Fischerboote und Kanuten, die den Tag ebenfalls auf dem Wasser beginnen. Özen, unser wunderbarer Stadtführer, von Beynar Travel, erzählt vom Wasser aus die Geschichten der Stadt, Moscheen, Kirchen und Häuser am Ufer.



Wir spazieren am Fuße der Bosporusbrücke durch die kleinen Gassen von Ortaköy – seit langem gilt dieses Viertel als das der Intellektuellen und kritischen Studenten. Nach einem Schlendergang über den Kunsthandwerkermarkt (nur am Wochenende) und durch die zahlreichen Kumpir- und Gözlemestände, nehmen wir in einem Café Platz, es ist einfach zu früh für eine der Riesenkartoffeln und, zum Glück, kann ich diese auch in Hamburg bekommen. Mit Blick auf den Bosporus und die Medschidiye-Moschee, die direkt am Wasser liegt, genießen wir Tee, Sonne und die Menschen die am Wasser entlangschlendern oder auf eines der Fährboote warten.

An einem Samstag morgen ist in der Stadt noch nicht so viel los und die meisten Istanbuler kommen erst um die Mittagszeit aus ihren Wohnungen, um auswärts gemeinsam zu frühstücken. Es könnte allerdings auch sein, dass sie gemeinsam Sport gemacht haben, denn, wie wir beobachtet können, die meisten Menschen sind in Jogginganzug gekleidet. Da ich am Wochenende (oder einfach so) auch am liebsten Jogger trage, denk ich, es ist eher ein Entscheidung der Gemütlichkeit.



Im Anschluß geht es zur ältesten Baklava Fabrik von Istanbul. Nachdem wir zuvor das neue Istanbul gespürt haben, ist hier wieder die Vergangenheit erlebbar. Die Familie Güllü ist seit Anfang des 19. Jahrhunderts im Baklava Geschäft und, man kann es kaum glauben, damals, war das süße Gebäck nicht sonderlich bekannt und beliebt. Mittlerweile werden allein in der Karaköy Güllüoglu Manufaktur 2,5  Tonnen im Jahr produziert. Im Gespräch mit dem Chef wird schnell klar, wer hier das Sagen hat. In der Backstube dürfen nur Männer arbeiten, seine Töchter sind für die Buchhaltung zuständig und die schonungslose Liebe zur Diktatur in der eigenen Firma, versteckt er erst gar nicht.

Trotz allem, es ist sehr interessant hinter die Kulissen zu schauen und zu lernen, wie Baklava richtig gegessen wird, nämlich am besten mit frischem Büffelmozzarella und fein gehäckselten Pistazien. Die Zutaten dafür kommen bei Güllüoglu alle aus der Türkei und werden selbst produziert. Es schmeckt nicht so süß wie oft, tropft nicht und, ich lerne hier, somit ist es auch keine Süßigkeit. Also vollkommen in Ordnung, wenn man es jeden Tag mehrmals isst. ...



Von dort geht es nach Beyoğlu zum Museum Istanbul Modern, in diesem ist im Rahmen der 14. Istanbuler Biennale, die Ausstellung Tuzlu Su, oder auch Saltwater, frei zugänglich. Das Museum steht für Kunst der Gegenwart und beinhaltet auf 8000qm so einige Schätze.

Bei Tuzlu Su geht es um unterschiedliche Überlegungen zu einer Theorie der Formen. Die Arbeiten von mehr als 60 Künstlern der Moderne werden hier gezeigt. Insgesamt sind es über 100 Künstler die an 36 verschiedenen Orten, die über die ganze Stadt verteilt sind, ihre Werke zeigen. So kann der  Besucher die Stadt entdecken, wenn er von einem Kunstort zum Nächsten wandert. 

Orhan Pamuks Notizbücher

Eigentlich waren dies schon eine Menge Erlebnisse für einen Tag, doch es steht noch ein Muß auf dem Programm: Der Besuch der Galata Brücke. Auf dieser stehen jeden Tag, im Winter wie im Sommer und auch zu jeder Tageszeit hunderte von jungen und älteren Anglern und fangen, mit Blick auf zwei Kontinente, kleine und größere Fische.



Auf der anderen Seite der Brücke, im Tumult des Fischmarkts von Karaköy, angekommen, sah ich lauter Menschen mit einem roten Saft und dachte dabei an Granatapfel. Genau den möchte ich jetzt zu meinem Balik Emek (Fischbrötchen)! Doch was war es? Eingelegter Kohl und Gurken in Essigsaft, mit ein bisschen Schärfe. In jedem Fall sehr speziell und trotz hoher Beliebtheit nicht mein Fall.

Viel mehr mein Fall waren die Grillspeisen und der Wein Doluca Özel Kav aus den türkischen Regionen Diyarbakır und Elazığ im Surplus. Mit bestem Blick auf den Hafen in Eminönü lassen wir die Erlebnisse des Tages Revue passieren.
Neben den vielen Geschichten zur Entwicklung der Stadt und den einzelnen Erlebnissen, hat uns auch die Tagespolitik intensiv bewegt. Aufgewühlt und fassungslos über die vielen Toten, die bei bei einer Friedensdemo in Ankara ums Leben kamen, sind wir traurig und wütend über Entscheidungen der Politik, die Menschen so sehr entzweien konnte.


Aufgeweckt und gestärkt von dem türkischen Mokka möchte ich gern weiter, in Taksim findet gerade eine spontane Demo zur Solidarität und für den Frieden statt. Jetzt nachgeben? Nein, vielen kommt dies erst gar nicht in den Sinn. Dafür eher "Jetzt erst Recht"! Die Kemalisten und selbst denkenden Menschen wollen die moderne Republik erhalten, die Kemal Mustafa Atatürk einst geschaffen hat und, in der der Laizismus, eine Weltanschauung, die eine strikte Trennung von Staat und Kirche fordert, so wichtig ist.

Aus Sicherheitsgründen entschließen wir uns gegen die Fahrt nach Taksim und lassen den Abend im Stadtteil Cihangir ausklingen. Optisch und der Menschen wegen, könnten wir uns auch in Lissabon befinden, die kleinen, grünen Gassen erinnern mich sehr an die Stadt am Tejo.
Hier, auf der europäischen Seite Istanbuls, lebten zu Beginn des letzten Jahrhunderts vor allem Kaufleute, Diplomaten und reiche Ausländer. Dies sieht man auch dem Baustil der Häuser an. Heute ist es eines der Trendviertel der Stadt und voller Künstler und junger Menschen, die sich auch jetzt in der Nacht noch vor den Cafés tummeln. 


Frei nach Bosse: Lass uns nicht nach Haus' gehen – Ich will uns so einrahmen – Wenn alle Schiffe schlafen, im Morgenrot – Wir werden anders nach Haus' gehen – Raki hier, Raki da – Mit neuen Freunden im Arm.

Und in ihren Gedanken sind alle bei den Menschen und den Familien der Opfer in Ankara.


Disclaimer: 

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1 Kommentare

  1. Wunderschöne Eindrücke! Istanbul ist eine wirklich interessante Stadt mit vielen Facetten!

    VG, Franzi

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Danke für Deinen Kommentar! :o)

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