Sarah Bürger. Hamburger Menschen #135

Wie es so ist, durch das Internet kennt man Menschen ... aber dies ist nicht richtig, man nimmt sie war. Wie sie sich eben selbst darstelle...

Wie es so ist, durch das Internet kennt man Menschen ... aber dies ist nicht richtig, man nimmt sie war. Wie sie sich eben selbst darstellen oder mit dem, was sie tun. Die heutige Befragte der Serie "Hamburger Menschen" nehme ich seit vielen Jahren "wahr". Kennengelernt haben wir uns dann aber erst vor etwa einem Jahr. Auf einmal stand ich in ihrem Atelier und los ging es, ich wahr faziniert. Auch ihr erfahrt heute ein bißchen mehr über Sarah, los geht es, erzähl mal selbst, wer bist du?
Ich bin Sarah Bürger, Modedesignerin und Mutter eines 17 jährigen coolen Jungen, der zur Zeit sein Abitur macht und Schlagzeug spielt. Ich liebe das Leben, träume tags und nachts, arbeite währenddessen  und versuche dabei, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. 

Das ist ja immer so eine Sache mit dem Weltverbessern – man verliert oft den Glauben an sie, die vielen Krisenherde und Unmenschlichkeiten derzeit können leicht entmutigen. Aber ich habe mir vorgenommen, mich nicht beirren zu lassen und nach bestem Wissen und Gewissen meinen kleinen Beitrag dort zu leisten, wo ich kann. Hierzu halte ich auch meinen Sohn an und bin sehr stolz darauf, dass er so ein bemerkenswerter, gedankenvoller junger Mann geworden ist. 

Momentan arbeite ich an meiner Masterkollektion, die gleichzeitig die Launchkollektion meines eigenen Herrenlabels ist. Dabei sind mir nachhaltige Werte wichtig, und auch wenn man immer wieder an Grenzen stösst, kann man schon Vieles bewusst entscheiden: Wo beziehe ich die Materialien her? Möchte ich Wolle verwenden, die von gequälten Schafen stammt? Kann ich mir leisten, in Kleinserien lokal zu produzieren? Welche Alternativen bieten sich an? Außerdem arbeite ich ehrenamtlich mit ein paar minderjährigen unbegleiteten geflüchteten Jungen an einem Designprojekt, um ihnen und mir neue Perspektiven zu eröffnen. Im Alltag versuche ich Bioprodukte zu konsumieren, generell eher genügsam zu sein und nicht auf Greenwashing hereinzufallen. Wenig Plastik, Lokalgeschäfte ... ich geb mein Bestes. Das Traurige ist bloss, dass man an so vielen Ecken an Grenzen stösst, finanziell, zeitlich, fehlinformiert. Das alles gesagt habe ich mich trotzdem entschlossen glücklich zu sein und vor allem dankbar – und mich am Leben und den vielen Menschen um mich herum zu freuen!



Woher kommst du?

Gute Frage – ich sage immer Bremen wenn ich gefragt werde, um einiges abzukürzen. Geboren bin ich in Cloppenburg, aufgewachsen im Raum Hannover und Schaumburg-Lippe, als Teenie dann nach Bremen und 2004 nach England. Jetzt bin ich seit fast 4 Jahren in Hamburg. Hier gefällt's mir ziemlich gut.


Erzähl mal von deinem Beruf?

Ich bin Modedesignerin, habe mein, in Bremen begonnenes, Studium hier in Hamburg an der HAW abgeschlossen und währenddessen einen Co-Work Space für Modedesign gegründet, das formschoen. Raum für Design; Also hab ich ein ziemlich buntes Berufsleben: ein bisschen Design im Auftrag, ein bisschen Design in eigenener Sache (ich arbeite an einem eigenen Männerlabel) und ein bisschen Studium (jetzt kommt der Master) und dann halt das formschoen. Raum für Design; hier geht es mir um Vernetzung aller modeaffinen Branchen, einen Knotenpunkt für Jungdesigner zu schaffen und Angebote, die es Startups erleichtern, lokal zu produzieren, sich zu vernetzen usw. Ich vermiete den Raum für Fotoshootings, Workshops und andere Veranstaltungen, es gibt eine Industrienähwerkstatt und Kursangebote. Außerdem kann man sich einen Schreibtisch auf der Empore mieten. Den ganzen administrativen Kram mache ich auch selbst. Und die Webseite. Und die Grafiksachen, Social Media – was eben so anfällt.  Um die Masterkollektion und das Start Up zu finanzieren arbeite ich auch noch hin und wieder im Rosi's auf dem Berg. Ganz schön viel manchmal ...

 

Was wäre deine Job, würdest du nicht das machen, was du jetzt machst?

Gute Frage ... ich bin ziemlich vielseitig interessiert, aber jobmäßig gab es bei mir eigentlich immer nur diese Option. Modedesign und „Welt retten“ dabei. Wobei ich in England jahrelang als Project Manager im Designbereich tätig war, das hat auch Spaß gemacht, hat sich aber mit meinem Gewissen nicht so gut vertragen. Ständig Produkte anzupreisen, die man nicht braucht – aber das ist generell in der Designbranche der schwierige Punkt, finde ich. Da steht man oft zwischen den Stühlen und hat eine große Verantwortung, sozial, politisch und der Umwelt gegenüber.


Was machst du, wenn du nicht arbeitest?

Über die Arbeit nachdenken ... Wenn man seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat, ist das echt schwer auseinanderzuhalten. Kreativität und Gestaltung kann man ja auch nicht abstellen. Ich gehe gern ins Theater, schaue mir moderne Tanzaufführungen im Kampnagel an oder Fotoausstellungen. Soviel Freizeit hab ich gar nicht, sonst würde ich sicher auch mehr reisen und Freunde treffen, die ich überall verteilt habe.


In welchem Stadtteil von Hamburg lebst du?

In Barmbek direkt am Osterbekkanal, sehr hübsch und vor allem ruhig ... wobei es tatsächlich einen Kiosk mehr geben könnte (vielleicht ein neues Standbein?).


Möchtest du nochmal in einem Anderen wohnen?

Ich schaue immer mal wieder nach Wohnungen, aber da das formschoen. in Uhlenhorst/Eilbek liegt, würde ich in der Nähe bleiben wollen. Dulsberg ist ganz hübsch, finde ich, oder sogar Hamm.



Wo würdest du dein Traumhaus bauen?

Ein eigenens Haus bauen, danach steht mir gar nicht der Sinn. Kann natürlich sein, dass sich meine Ansicht ändert – aber bisher bin ich dagegen neue Häuser irgendwohin zu setzen, es gibt soviele herrliche Bauten, die man nutzen könnte. Und ich möchte auch nicht an einen Ort gebunden sein. Während der Zeit in England haben mein damaliger Freund und ich ein Haus besessen, das war tierisch  nervig mit all den Kosten und an Wegziehen während der Rezession war gar nicht zu denken. Irgendwann würde ich gern einmal in Meeresnähe leben ... das kann ich mir gut in einem Seecontainer vorstellen (gilt das als Hausbauen?).

Was macht Hamburg für dich zur Kulturstadt?

Der Hafen. Ohne ihn hätte man hier nicht dieses unbeschreibliche Gefühl der tausend Möglichkeiten. Es gibt außerdem eine Diversität an Menschen, und weitaus mehr Kulturschaffende als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Allerdings finde ich, wird es einem auch oftmals schwer gemacht – woran genau das liegt, da bin ich mir unsicher, es sind teils zu hohe Mieten, teils festgefahrene Menschen. Mit dieser Art von Problemen haben Leute, die anders denken, und daher Kulturschaffende sind, häufiger und auch ortsunabhängig zu kämpfen.

Was würdest du ändern, wenn du Bürgermeister wärst?

Ich hoffe nicht, dass ich das je werde, dazu habe ich ein zu gefährliches politisches Halbwissen. Mir liegen allerdings mehrere Dinge immer sehr am Herzen, das sind Wohnungslose, Geflüchtete, Familien und Künstler/ Kreativwirtschaft. Also würde ich wohl anstreben, mehr Wohnraum für Menschen ohne Wohnung zu schaffen, Geflohene Menschen inbegriffen, und Familien und Kreativen das Leben versuchen zu erleichtern. Wie das konkret funktionieren kann ist mir ein Rätsel, ich stelle mir eine bunte Hippie/Punk/Yuppie Kommune vor, wo alle an einem Strang ziehen und ressourcenschonend in Genügsamkeit ein wunderbares Leben an der Elbe führen, mit rosa Eiscreme für alle zum Frühlingsanfang.

Warum Hamburg und nicht Berlin oder New York?

Das habe ich ganz bewusst entschieden, zumindest habe ich mich gegen Berlin entschieden, als ich aus England zurückkehrte. In Berlin ist alles immer in Bewegung, in Hamburg steht vieles und das ist gut so. Hier haben die Schiffe Anker, hier fühle ich mich sicher in Zeiten, wo alles andere in Bewegung ist. Und bei mir ist vieles in Bewegung – das gehört sich bei Gestaltern auch so, glaube ich. New York? Da muss ich noch hin.



Alster oder Elbe?

Elbe, ist doch klar – das Tor zur Welt, der reissende Fluß, da gibt es die Abenteuer, den Ausblick, die Geschichte. Nichts ist wunderbarer als an einem Sommerabend vom Elbstrand dem Treiben im Containerhafen zuzuschauen und die Boote zu bewundern ... Da vergisst man gerne mal das Drama um die Elbvertiefung und die einhergehenden Stadtentwicklungs- und Umweltprobleme.

Wie viele Stunden am Tag ist dein Smartphone an?

Immer, aber auf lautlos und oft achtlos in der Ecke. Ich gehöre ja noch zu der Generation, die erstmal ohne Handy aufgewachsen sind und versuche eigentlich, da frei zu sein. Allerdings bin ich schon von vielen Apps sehr begeistert und nutze das Telefon beruflich sehr viel. Es ersetzt den Kalender, das Notizbuch, Fotoalbum, Task Manager ... Lexikon ...


Keine Frage, doch ein wenig Platz für etwas, was du loswerden möchtest:

Ich finde es super, dass in letzter Zeit vermehrt Fragen hinsichtlich des Bekleidungskonsums gestellt werden, auch wenn die Kaufentscheidung noch immer nicht unbedingt zu Gunsten fairer Konditionen getroffen wird. Was ich mir wünsche, sind vereinte Kräfte der Käufer, wie man sie in der Lebensmittelindustrie geweckt hat, um dann z.B. Legebatterien den Garaus zu machen. Es gibt so viele wunderbare Indie Labels in Hamburg, die entdeckt werden möchten – und das Kostenargument zählt nicht. Man braucht nämlich nicht jede Woche neue Dinge, auch nicht jeden Monat. Wenn alle weniger Quatsch kaufen würden und dafür lokale Labels unterstützen, würde sich einiges ändern können. Auf der andern Seite darf man auch nicht vergessen, dass viele Menschen auf die Produktion von Kleidung in ihrem Land angewiesen sind, sie also nicht plötzlich gestoppt werden darf. Fast Fashion - Sehr grosses Thema, vor Kurzem in einer Ausstellung im MK&G Hamburg behandelt, als Einstieg bestimmt gut!


Lieblingssong des Moment?



Lieblingssong forever?





Drei Plätze, die man sich in Hamburg unbedingt angeschaut haben sollte:

  • Das formschoen. natürlich! Wir haben freie Atelierplätze ...
  • Gängeviertel als Beispiel wie „Stadt“ im Sinne der BürgerInnen auch funktionieren kann
  • Park Fiction mit dem tollen Blick auf den Hafen und den Pudel Club.
  • City Nord, total schiefgegangene Stadtentwicklung, wenn man sich aber vorstellt in einem Film zu spielen ist es ziemlich gut dort – und eine super Fotolocation
Ich weiss, es sind Vier ... aber alle aus gutem Grund!


Möchtest du noch jemanden grüßen, hier ist Platz dafür:

All diejenigen, die ihre Energien zum Helfen mobilisieren, gerade in letzter Zeit ist das in HH so deutlich geworden – dass es echt so einige Menschen gibt, die aktiv werden, um Missstände zu verbessern ... Das beeindruckt mich immer wieder!


Schaut mal bei ihr vorbei:
formschoen - Raum für Design
Wartenau 16
22089 Hamburg
info@dasformschoen.de

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