Volker von Witzleben. Hamburger Menschen #147

Seit ich zum ersten Mal im Hamburger Stadtteil Wilhemsburg war, fühlte ich mich dort heimisch. Es mag an dem Pottpüree von Industrie und Wo...

Seit ich zum ersten Mal im Hamburger Stadtteil Wilhemsburg war, fühlte ich mich dort heimisch. Es mag an dem Pottpüree von Industrie und Wohnraum liegen, doch mit großer Sicherheit auch an den Menschen. "Fast wie im Ruhrgebiet", denke ich oft, wenn ich dort bin. Der Stadtteil hat viel mehr zu bieten, als man vermuten mag, mehr als das Gelände der ehemaligen InternationalenBauAusstellung und die andere Sicht der Elbe. Einer der Menschen, die diesen Stadtteil definitiv bereichern, ist Volker. Ich freu mich sehr, dass er uns nun mehr von sich erzählt (ich hab ihn einfach in seinem Lokal angesprochen und danach gemerkt, ich kenne seinen Bruder schon eeeewig aus, genau, dem Ruhrgebiet). Vielleicht ist das, was wir Ruhrkinder in Hamburg oft vermissen, in Wilhemsburg leichter zu finden? Seine Schwärmereien kann ich auf jeden Fall nachvollziehen. Also los, Volker, wer bist du und woher kommst du?

Ich bin Volker, in den Achtzigern im Pott (auch Ruhrgebiet genannt) geboren. Habe dort meine Ausbildung als Kochgeselle gemacht. Außerdem ein halbes Jahr im Theater gearbeitet und weitere Interessen in mir geweckt.



Seit wann bist du in Hamburg und wie bist du hier „gelandet“?

Ich bin damals über ein Kulturwissenschaftsstudium in die Nordlichthauptstadt gekommen. Ich hab als Koch in Deutschland, Chile und Argentinien gearbeitet. Allerdings bin ich schon früh auf den Zweig gekommen, dass ich wahrscheinlich mehr freier Kreativer bin, als reiner Koch. Als ich dann den kulturellen Nährboden des hanseatischen Kleinods zu spüren bekam ging es mit mir durch: Theater, Open-Airs, urbane Bestandsbeschau & subkulturelles Eintauchen. Aber gegen Ende meines Studiums wurde mir klar, dass Hamburg vor allem mittelständische spannende Gastronomie außerhalb der Schanze (…oder was davon übrig ist) fehlte.

Erzähl mal von deinem Beruf.

Vor 2 Jahren rief mich mein jetziger Geschäftspartner Marco Antonio Reyes Loredo, bekannt durch Konspirative Küchenkonzerte und Die Wilde 13, an und berichtete mir von einem leeren Lokal im Herzen Wilhelmsburgs. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt schon viel mit Elbinsel auseinandergesetzt und fand es spannend diesen Raum auch gastronomisch zu entwickeln. Danach wurde Konzept geschrieben, Team gesucht und ich entwickelte mich vom angestellten Koch zum Geschäftsführer einer gastronomischen Firma, der Kaffeeklappe die mittlerweile auch die Mensa der HfbK bespielt. Aber ohne Marco & die anderen Gesellschafter wäre das alles gar nicht denkbar gewesen, was weiß ich schon von Buchhaltung ;). Mein Job seit eineinhalb Jahren: Kochen, Organisieren und Speisen kreieren und kalkulieren.



Was wäre deine Job, würdest du nicht das machen, was du jetzt machst?

Ich hatte damals meine Bewerbung für den Master Social Design an der Angwandten Wien knapp wegen Krankheit nicht bekommen. Wer weiß, vielleicht urbane Interventionen organisieren. Aber sehr vermutlich wäre ich bei meinen „Leisten“ geblieben. Dem Essen und seiner gesellschaftlichen Relevanz. Es ist ein Thema, welches mir auch immer noch wichtig ist. Wenn ich es mal schaffen würde mich mehr aus dem operativen Geschäft rauszunehmen, hätte ich auch immer noch eine Menge Ideen für Veranstaltungen und Aktionen.

Was machst du, wenn du nicht arbeitest?

Fahrradfahren. Ich habe ein paar Freunde die den Radraum im Gängeviertel betreiben und mir auch bei noch so absurden Aufbauten geholfen haben, meine Fahrräder zum rollen zu kriegen. Es ist mein Workout, aber irgendwie auch Lifestyle, so ungern ich das Wort benutze. Aber ich fahre auch gerne mit dem Fahrrad egal wie das Wetter ist und wo ich in Hamburg gerade hinmuss. Aber nicht zuletzt auch weil es gesund und gut für die Verkehrsentzerrung ist. APROPOS: Hamburg, bau mal bitte mehr Fahrradstraßen, du bist echt Katastrophe, Digga!



In welchem Stadtteil von Hamburg lebst du?

Willy, der zweitgrößten Flussinsel der Welt. Kennengelernt habe ich Wilhelmsburg über das Projekt von Kerstin Schaefer "Die Wilde 13" einem Dokumentarfilm über den Bus, der die Insel zusammenhält.

Klar, irgendwie ist die Insel außerhalb des mentalen „Standarthamburgs“, aber irgendwie ist es auch richtig schön grün an den Deichen und mein Ruhrpottherz schlägt höher wenn ich Industrie sehe und ich brauche nur 15 Minuten  ins Naturschutzgebiet oder an die Bunthäuser Spitze, wo sich die Elbe teilt. Das ist schon ziemlich toll!

Möchtest du nochmal in einem Anderen wohnen, wenn ja, wo?

Nö. Willy ist gut ansonsten würde ich nur wieder wegziehen. Hamburg ist mir einfach zu snobby, ich brauch Dreck, Menschen fremder Kultur und am liebsten wenig Regeln.

Wo würdest du dein Traumhaus bauen?

Im Tigredelta in Buenos Aires. Aber ich bin auch immer noch offen für Asien und Afrika, mal sehen. Aber auf keinen Fall in Deutschland, da sind einfach zu viele Deutsche!

Ist Hamburg für dich Kulturstadt? Was macht sie dazu?

Klar, es ist schon eine Hammerstadt. Nirgendwo in Großstädten hast du so viel Himmel. Egal wo du bist, da ist einfach Platz um sich entspannt und offen zu fühlen und natürlich wird man sentimental wenn man am Park Fiction sitzt und sich den Sonnenuntergang ansieht, das ist ganz großes Tennis. Es gibt auch viel Bewegung der Offszene in Hamburg, allerdings würde ich behaupten, dass Hamburg leider die Idee der Hochkulturstadt verfolgt. Projekte wie die Elbphilharmonie oder die unzähligen Musicalhäuser sind einfach für subkulturellinteressierte Menschen wie mich verbranntes Land und das leider zu einem sehr hohen Preis, von Image reden wir da noch gar nicht.

Was würdest du ändern, wenn du Bürgermeister wärst?

Pinneberg eingemeinden und mit Harvestehude und Rotherbaum enteignen. Von dem so gewonnen Geld eine Freifläche wie das Tempelhofer Feld für kulturelle Bespielung jeglicher Art freigeben und moderne frei verfügbaren Wohngebäude bauen um Flüchtlinge Obdachlose unterbringen. Da reicht natürlich nicht eine Legislaturperiode ;).

Warum Hamburg und nicht Istanbul, Berlin oder New York?

… kommt später. Ich hab in Hamburg Netzwerk und das ist heutzutage ziemlich wichtig. Desweiteren habe ich mit der Kaffeeklappe ein Baby, was mich nicht so schnell gehen lässt.



Alster oder Elbe?

Elbe, dieser Fluss ist mehr als beruhigend mit seiner Breite.
Man kann sogar in ihr schwimmen oder mit der Fähre ganz entspannt rumkuttern. Nichts ist geiler als an einem sonnigen Morgen mit der 73 nach Wilhelmsburg zu fahren oder mit dem  Fahrrad durch den Hafen. Oft riecht es sogar etwas nach Meer und man sieht in den Werften und Trockendocks Hafenarbeiter die irgendwas schweißen, das ist doch der Hammer – direkten Bezug zur Schiffahrtsindustrie zu haben. Derzeit kann man ein paar arme orientierungslose Schweinswale beobachte. Digga, Wale in der Elbe! Veddel Beach!

Wie viele Stunden am Tag ist dein Smartphone an?

24. Geschäftsführer, sorry!

Lieblingssong des Moment?


Lieblingssong forever?


Drei Plätze, die man sich in Hamburg unbedingt angeschaut haben sollte:

Elbtunnel mit Blick auf die Elbe und Hamburg

Südliches Dockvillegelände mit Blick auf den Rethespeicher

Fußgängerbrücke Harburg bei Sonnenuntergang


P.S. Ein schöner Artikel über die Kaffeeklappe findet sich auch im Hamburger Abendblatt. Solltet ihr kein Abo haben, googelt einfach mal die Kaffeeklappe, so kann man den Artikel finden und unbezahlt lesen ;)

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