Nora Burgard-Arp. Hamburger Mensch #146

Als es so weit war, dass die Mädels in meiner Schule anfingen einen BH zu tragen, gab es eine Lehrerin, die wollte meinen Eltern weißmachen...

Als es so weit war, dass die Mädels in meiner Schule anfingen einen BH zu tragen, gab es eine Lehrerin, die wollte meinen Eltern weißmachen, ich wäre essgestört – das war auch der Moment, in dem mir bewusst wurde, es gibt viele Menschen, die machen sich viele Gedanken um Essen. Seitdem, bis heute, und wohl auch leider morgen, habe ich immer wieder Erfahrungen mit Esstörungen erlebt. Von "Ich esse mal ein paar Wochen die Hälfte", bis zu einer Freundin, die an dieser Krankheit gestorben ist. 

Dieses schwere Thema interessierte mich immer und Eine, deren Arbeiten dazu ich herausragen finde, ist Nora Burgard-Arp. Nicht nur mir geht es so, denn 2015 war sie für www.anorexie-heute.de für den Grimme Online Award nominiert und hat den Reportagepreis für junge Journalisten gewonnen. Nun ist sie mit ihrer Arbeit "Hunger" in der Zeit Campus als "Beitrag des Jahres" für die Lead Awards 2016 nominiert.

Zudem ist sie auch eine äußerst angenehme und symphatische Zeitgenossin und heute mein Gast in der Serie "Hamburger Menschen", worüber ich mich sehr freue – lest mal rein. Den Rest erzählt sie nun selbst selbst:

Ich bin Nora Burgard-Arp und wurde in der nordrhein-westfälischen Provinzstadt Unna geboren. Zum Studium (Germanistik, Anglistik und Philosophie, noch ganz oldschool auf Magister) ging es 2006 nach Köln und fünf Jahre später weiter nach Hamburg, wo ich mich als Journalistin und Autorin selbstständig gemacht und gleichzeitig an der Hamburg Media School Journalismus studiert habe. Der Grund für den Umzug war ganz romantisch die Liebe. Meinen jetzigen Ehemann habe ich noch während des Studiums in Köln kennengelernt und weil er in der Hansestadt 2011 seine Promotionsstelle (Er ist kein Medienfuzzi, sondern Chemiker) angetreten hat, bin ich mitgegangen. Die Entscheidung, Köln zu verlassen, ist mir sehr leicht gefallen. Ich war damals fertig mit der Stadt und bereit, für eine neuere, größere. Vielleicht wäre ich ohne meinen Freund nach Berlin gegangen, vielleicht aber auch nicht. 

Bild via femtastics – lest auch ihr Interview dort – HIER

Erzähl mal von deinem Beruf. 

Ich bin Journalistin, schreibe für Meedia über Medienthemen und darüber hinaus als Freie über alles, was mich bewegt. Das ist seit zwei Jahren vor allem das Thema Magersucht. Die unreflektierte und vor allem verallgemeinernde  Berichterstattung in der Boulevardpresse über diese komplizierte Essstörung hat mich so wütend gemacht, dass ich entschieden habe: Eine Gegenbewegung muss her. Es geht nämlich eben nicht nur um Schönheitswahn oder eine angebliche Marotte diverser Promi-Damen. Tatsächlich ist die Krankheit kaum zu fassen und ihre Ausprägungen so individuell wie komplex. Selbst die Wissenschaft tappt bei vielen Fragen zur Anorexie noch im Dunkeln. Deshalb habe ich 2014 die Plattform „Anorexie – Heute sind doch alle magersüchtig“ ins Leben gerufen, auf der ich die wissenschaftliche Sicht auf die Magersucht in den Vordergrund rücke und gleichzeitig die Geschichten von Betroffenen erzähle. Im Gegensatz zum Boulevard gibt es bei mir auch keine Bilder ausgemergelter Körper, weil dies die Krankheit wieder auf ein Symptom beschränken würde. Außerdem will ich keinen Voyeurismus befriedigen. Stattdessen setze ich auf Fotos, die Alltagsgegenstände (Daily Essentials) von Magersüchtigen zeigen. Abgesehen davon versuche ich mich ab und zu mit Gedichten und Kurzgeschichten. Meine erste hab ich mit sechs Jahren geschrieben: ein Krimi über ein ermordetes Huhn. :-)



Was wäre deine Job, würdest du nicht das machen, was du jetzt machst? 

Wahrscheinlich Zirkusartistin. In meiner Heimatstadt gibt es einen Kinder- und Jugendzirkus, bei dem ich fast täglich trainiert hab. Erst war ich Schlangenmensch am Boden und später hing ich am Trapez. Mit 16 stand die Entscheidung an, ob ich mich an einer professionellen Zirkusschule bewerben will - und ich habe mich dagegen entschieden, weil mir das Training letztendlich doch nie so leicht gefallen ist wie das Erzählen von Geschichten.




Was machst du, wenn du nicht arbeitest?

Seit zwei Monaten heißt meine Hauptbeschäftigung Lotta. Muttersein ist für mich gerade das neueste Abenteuer. Ansonsten liebe ich Filme, Fernsehen, Lesen und stundenlanges In-die-Gegend -Glotzen. 

In welchem Stadtteil von Hamburg lebst du?

Ottensen.
Möchtest du nochmal in einem Anderen wohnen, wenn ja, wo? 

Nö.


Wo würdest du dein Traumhaus bauen? 

Irgendwo am Wasser mit riesigem Garten, in dem absolute Stille herrscht. Doch wenn ich aus der Haustür trete, will ich mitten im bunten Trubel einer Metropole stehen.


Ist Hamburg für dich Kulturstadt? Was macht sie dazu? 

Logo. Das Filmfest, die Theater, Museen und Feierkultur. Dabei gibt es nicht so ein Überangebot wie in Berlin, was mich vermutlich eher stressen würde.

Was würdest du ändern, wenn du Bürgermeister wärst? 

Aus aktuellem Anlass: Mehr Kita-Plätze beziehungsweise eine einfachere Vermittlung

Warum Hamburg und nicht Istanbul, Berlin oder New York? 

Hamburg ist für mich noch nicht Endstation, wer weiß, wo der Wind mich und meine kleine Familie in den nächsten Jahren noch überall hin weht. Ich mag diese Unsicherheit und habe viele Lieblingsstädte. An Paris habe ich schon mit elf Jahren mein Herz verloren, nach Wien fliege ich einmal im Jahr und New York ist für mich die Kreativmetropole schlechthin. In Hamburg allerdings hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, irgendwo wirklich zur Ruhe zu kommen.



Alster oder Elbe?

Auf jeden Fall die Elbe: Wind, Wellen und die Erinnerung an viele Auskater-Stunden morgens am Strand, nachdem wir aus dem Pudel gestolpert sind.

Wie viele Stunden am Tag ist dein Smartphone an?

Das kann ich gar nicht so konkret sagen. Ich mache es allerdings mittlerweile immer öfter bewusst aus oder lasse es zuhause – Digital Detox als Entschleunigung. Nachts ist es momentan jedoch wieder an, damit ich während ich meine Tochter stille Artikel lesen kann. 


Ein wenig Platz für etwas, was du loswerden möchtest: 

„Der Planet braucht keine erfolgreichen Menschen mehr. Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Art.“ (Dalai Lama)


Lieblingssong des Moment? 

„Bärwaldpark“ - Von Wegen Lisbeth 


Lieblingssong forever? 


Drei Plätze, die man sich in Hamburg unbedingt angeschaut haben sollte:

  • Die Elbe beim Sonnenaufgang
  • die Dove Elbe 
  • und jeder sollte einmal oben auf dem Michel stehen.


Möchtest du noch jemanden grüßen, hier ist Platz dafür: 

Hallo Oma!

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