Björn Köcher. Hamburger Menschen #104

Ich würde behaupten meinen heutigen Gast der Serie "Hamburger Menschen" habe ich auf einer Veranstaltung in Hamburg kennengelernt...

Ich würde behaupten meinen heutigen Gast der Serie "Hamburger Menschen" habe ich auf einer Veranstaltung in Hamburg kennengelernt. Da es schon Jahre her ist, weiß ich nicht mehr exakt wo ich Björn Köcher zuerst traf, bei der Gadget Nights, im PR Club, der #twittnight ... oder vielleicht doch ... na, irgendwas mit Kommunikation wird es gewesen sein. Trotzdem ist er mir als Outdoorsportler und Fernwehliebender in Erinnerung geblieben. Damit ihr euch einen Eindruck machen könnt, Björn, erkläre doch erst einmal, wer du bist.

Seit heute ein Hamburger Mensch. Aber kein Hamburger, auch wenn ich die Stadt lieben gelernt habe, sehr sogar. Der Umstand, dass ich deine Fragen Mitten im Sommer auf einer Berghütte auf knapp 3.000 Metern Höhe beantwortet habe, während nur einen Raum weiter meine Snowboardschuhe trocknen, lässt erkennen, dass mein Herz eher die Form eines Berggipfels und nicht die der Außenalster hat.

 Photocredits: Tobias Geißler geisslerpics

Woher kommst du dann eigentlich?

Aus dem grünen Herzen Deutschlands: aus Thüringen. Hier bin ich aufgewachsen, zur Schule gegangen und Magister der Sportökonomie geworden. Hier habe ich meinen ersten Wanderstock geschnitzt, mir meine erste CD gekauft und mich das erste Mal verliebt. Mittlerweile komme ich auch gerne zurück nach Thüringen – aber nur zu Besuch, das reicht um den Heimatspeicher zu füllen.

Und seit wann bist du in Hamburg?

Ich bin Ende 2006 von München nach Hamburg gezogen. Nächstes Jahr habe ich also Zehnjähriges – eigentlich ein guter Grund für eine Party in Deutschlands nördlichster Skibutze. So nenne ich mein neues zu Hause auf der Stadtteilgrenze zwischen Rotherbaum und St. Pauli gerne. Alle die, die schon mal da waren, wissen, warum. Also nimm dir für nächstes Jahr erstmal nichts vor ...


Was anderes: Erzähl mal von deinem Beruf?

Oh ... Ok, ich versuche es mal möglichst kurzweilig und zitiere dazu – Achtung – den ehemaligen Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages und des Bundesverbandes deutscher Banken, Alwin Münchmeyer:
„Wenn ein junger Mann ein Mädchen kennengelernt hat und ihr sagt, was für ein großartiger Kerl er ist, so ist das Reklame. Wenn er Ihr sagt, wie reizend sie aussieht, so ist das Werbung. Aber wenn sich das Mädchen für ihn entscheidet, weil sie von anderen gehört hat, was für ein feiner Kerl er wäre, dann ist das Public Relations.“
Ich habe mich für den letzten Fall entschieden: Ich bin PR-Berater. Das schönste daran ist, dass ich es mit einem unglaublich tollen Team machen kann. Falls also jemand mal mit ganz liebenswerten (und nebenbei super humorvollen, mega intelligenten und unglaublich gutaussehenden) Menschen arbeiten will (und für den/die ein Chef wie ich akzeptabel ist), dann muss er/sie sich bei der PR-Unit von JDB MEDIA bewerben. Wer aufgepasst hat, hat erkannt: Das war Reklame.


Irgendetwas Schlechtes muss es doch an deinem Job geben? Also: Was wäre dein Job, würdest du nicht das machen, was du jetzt machst?

Einer langen Familientradition folgend, müsste ich Schneider werden. Viel lieber würde ich aber ein Bergsporthostel in den Alpen aufmachen. Im Winter würden sich dort Freerider aus aller Welt und jeden Alters treffen, im Sommer Mountainbiker die von mir mit viel Liebe angelegten Singletrails und Downhillstrecken rocken, während sich Kletterer und Boulderer an den umliegenden Felsen versuchen.  Am Abend oder an Downdays hängt man dann gemeinsam ab – eine große Bergsportfamilie. Ach ... darüber könnte ich ewig rumspinnen ...


Was machst du, wenn du nicht arbeitest oder über Bergsporthostels nachdenkst?

Aktuell habe ich drei Herzensprojekte: St. Bergweh, Sofar Sounds und Wild&Style. St. Bergweh ist ein Blog und damit ein digitaler Zufluchtsort für Menschen, die Berge lieben, aber fernab von ihnen leben wollen oder müssen. Hier schreibe ich über alle Bergsportmöglichkeiten, die Hamburg so bietet oder die man auch als Hamburger erleben kann, wenn man nur will. Das Ganze mit einer Prise Urban Shit verfeinert und fertig ist der etwas andere Outdoor-Blog. Im Nachhinein betrachtet habe ich den Blog 2011 wahrscheinlich als eine Art Selbsttherapie begonnen. Mittlerweile habe ich darüber aber viele interessante Menschen kennengelernt (und das nicht nur in Hamburg), die einen ähnlichen Tick haben wie ich. Das hilft ja bekanntlich. Und man kann sich über Dinge wie diese austauschen: Acht Tage Solo-Hike durch die kalifornische Wildnis:


St. Bergweh: John Muir Trail 2012 from ST. BERGWEH on Vimeo.


Sofar Sounds ist dagegen ein Musikprojekt, das ich 2012 auf einer Reise nach Kalifornien in L.A. kennengelernt und umgehend nach Hamburg „importiert“ habe und seitdem gemeinsam mit ein paar Freunden vorantreibe – bei der ersten Session warst du ja selbst dabei. Für alle anderen: Sofar steht für „Songs from a Room“ und das in mittlerweile über 100 Städten weltweit. Die Idee ist es Musikliebhaber mit Künstlern in einem sehr intimen Umfeld – in der Regel ein Wohnzimmer – zusammenzubringen. Dabei erfahren die Gäste erst kurz vor der jeweiligen Session, wo sie stattfindet. Und sogar erst zur Session selbst, welche Bands oder Künstler auf sie warten. So entdeckt man Musik, von der man sonst entweder nie was gehört oder auf die man sich vielleicht sonst gar nicht eingelassen hätte. Die Süddeutsche Zeitung hat vor kurzem einen sehr schönen Artikel darüber geschrieben. Wer das interessant findet, kann sich für den monatlichen Newslettern mit allen Shows weltweit registrieren oder liked unsere Facebook-Seite. Außerdem suchen wir auch immer geeignete Wohnungen für die Sofar Sounds Wohnzimmerkonzerte – also meldet euch gerne.




Zu guter Letzt ist da dann noch der Hamburger Snowboardverein Wild&Style (ja, so was gibt es), in dem ich seit letztem Jahr Mitglied bin und mithelfe. Wir organisieren zwei bis drei Snowboard-Camps pro Wintersaison und bieten neben den heftigsten Partys kostenfreie Einsteigerkurse inkl. Leihboards für Hamburger, die diesen genialen Sport einfach mal ausprobieren wollen. Mit Reisebusen geht es dann in immer andere Skigebiete vorwiegend in Österreich und Frankreich. Auch hier habe ich ein Video mitgebracht. Es entstand vor 10 Jahren. Wie es heute da abgeht, muss man selbst erleben.

Und wenn dann noch Zeit bleibt, spiele ich Beachvolleyball, fahre mit meinem Kajak über die Alsterkanäle oder plane den nächsten Trip in die Berge.

In welchem Stadtteil von Hamburg lebst du eigentlich?

Meine Straße bildet die Grenze zwischen Rotherbaum und St. Pauli. Offiziell wohne ich in Rotherbaum, lebe aber eher auf St. Pauli beziehungsweise im Schanzenviertel: Da arbeite ich. Da treffe ich mich häufig mit Freunden. Und da fühle ich mich auch wohl – Gentrifikation hin oder her.

Möchtest du nochmal in einem Anderen wohnen?

Hätte ich nicht so eine geniale Wohnung, die auch noch fußläufig von meinem Arbeitsplatz entfernt ist, könnte ich mir auch Wilhelmsburg sehr gut vorstellen. Dann aber was in der Nähe vom Wasser. Und gerne was mit ein wenig Industrieromantik. Ansonsten bin ich happy, da wo ich jetzt wohne und lebe. Kein Grund, daran was zu ändern.

Mal über ein eigenes Haus nachgedacht? Wo würde es stehen, dein Traumhaus?

An Ufer eines Sees. Am Fuße eines Berges. Mitten in einer Großstadt. Wenn schon ein Haus, dann ein mobiles. Ein Wohnmobil ist wirklich das einzige, was ich mir in puncto Eigenheim vorstellen kann. Von einem eigenen Haus bin ich – selbst gedanklich – so weit weg, wie der HSV von der zweiten Meisterschaft in der Fußball-Bundesliga.

Apropos Sport: Was macht Hamburg für dich zur Kulturstadt?

Die Menschen und die Straße. Hamburg ist Hafenstadt. Und Hafenstadt bedeutet ankommen und weggehen. Jeden Tag. Und das seit hunderten von Jahren. Mal mehr, mal weniger. Und das bedeutet kulturelle Bereicherung und kultureller Austausch durch die Menschen, die bereits da sind, die an- oder zurückkommen und die bleiben. Ich persönliche mag Kunst auf der Straße. Da gibt es keine Zugangsbeschränkungen. Man muss nicht in ein Museum gehen. Man muss keinen Eintritt bezahlen. Und es wird auch nicht von irgendjemandem kuratiert, sondern alles ist offen. Deshalb freue ich mich über jedes Wandgemälde und danke jedem Künstler, der seine Kunstwerke im öffentlichen Raum präsentiert. Egal ob gesellschaftskritisch, politisch oder „nur“ der Lust am Tun wegen.

Photocredits: Tobias Geißler geisslerpics

Graffiti legalisieren also. Und was würdest du noch ändern, wenn du Bürgermeister wärst?

Bin ich doch: Bürgermeister von St. Bergweh. Aber du meinst sicher Hamburg. Da gäbe es Tausend Dinge, aber beschränken wir uns mal auf die folgenden zwei. 
Erstens: Innerstädtischer Verkehr muss langfristig mal komplett anders gedacht werden. Bisher lag der Fokus immer auf dem privaten Auto und alles andere wurde irgendwie passend drum herum gebaut. Umweltfreundliche, gesundheitsförderliche und weniger raumgreifende Varianten sollten die Basis für Straßenverkehrskonzepte sein: Fahrräder, Skateboards, Roller etc. und ihre E-Pendants zum Beispiel.
Zweitens: Ich würde sofort die Bewerbung für die Olympischen Spiele zurückziehen. Auf den Feuer-und-Flamme-Werbeplakaten in der Stadt steht mit „Hamburg kann nur gewinnen“ in meinen Augen einfach nur eine dreiste Lüge. Einige wenige werden von diesem Großereignis profitieren. Der Großteil der Bürger, die Natur und viele soziale und kulturelle Belange und Initiativen, für die dann kein Geld mehr da ist, werden verlieren. Ganz zu schweigen von einem machtsüchtigen und geldfixierten olympischen System, das sowieso keine Unterstützung mehr verdient. Dann lieber ALTERNATIVE SPIELE.

Photocredits: Tobias Geißler geisslerpics

Jetzt erklär mal: Warum Hamburg und nicht Berlin oder New York?

Purer Zufall. Auch wenn ich mich das selbst auch immer mal wieder sagen höre, aber eigentlich nervt das „Hamburg – die schönste Stadt der Welt“-Gehabe schon heftig. Hamburg ist toll. Und ich fühle mich sehr wohl, aber es ist nicht so, dass ich mir keinen anderen Ort zum Leben vorstellen kann. Und ich könnte mich sicher auch mit Berlin oder New York arrangieren. In beiden Städten habe ich auch schon zeitweise gelebt und bin nicht in Depressionen verfallen. Es hängt ja auch sehr an den Menschen und damit am persönlichen Umfeld.

Es kommt eben immer drauf an, also noch ein Klassiker: Alster oder Elbe?

Zum Kajakfahren und Abschalten nach Feierabend: Alster. Zum Am-Ufer-Sitzen und Gedanken schweifen lassen: Elbe. Zum Glück schließt sich das ja nicht aus. Und machen wir uns doch auch mal ab und an bewusst, welches Glück wir haben, dass wir Alster und Elbe vor der Haustür haben.


Und jetzt von der Offline- in die Online-Welt: Wie viele Stunden am Tag ist dein Smartphone an?

Bis auf Nachts, wenn ich schlafe, permanent. Erreichbar bin ich aber trotzdem nicht sonderlich gut, denn die meiste Zeit ist es auf lautlos gestellt und Display-Benachrichtigungen für die meisten Apps sind deaktiviert. Das hilft ein wenig dabei, dass nicht das Smartphone mich, sondern ich das Smartphone kontrolliere. Trotzdem würde ich nicht vehement widersprechen, wenn mich jemand als „addicted“ bezeichnet. Falls jemand bis hierher durchgehalten hat und an meiner Person immer noch interessiert ist, der kann mich ja bei den gängigen Sozialen Netzwerkplattformen suchen oder mir unter @bjoekoe bei Twitter und Instagram folgen.

Keine Frage, sondern ein wenig Platz für etwas, was du loswerden möchtest:

Na dann komme ich gleich mal zum Punkt: Refugees Welcome & FCK NZS. Ende der Durchsage.

Welcher Song läuft bei dir gerade in Endlosschleife?

Wie schon erwähnt, habe ich ja 2013 mit Sofar Sounds ein Musikprojekt nach Hamburg gebracht, über das nicht nur unsere Gäste, sondern auch ich selbst immer wieder neue musikalische Entdeckungen mache(n). Trotzdem laufen natürlich manche Songs eindeutig häufiger in der eigenen Playlist als andere. Aktuell sind das bei mir David Lemaitre mit „Magnolia“ und J Dillas Klassiker „Wild“.

Und welcher seit Jahren immer (mal) wieder?

Manfred Mustermann von Blumentopf aus München ist nicht nur sprachlich das Beste, was der deutsche Rap je hervorgebracht hat, sondern auch immer wieder ein wichtiger Denkanstoß, wenn es zu Zweifeln am eigenen Lebensmodell kommt. Erklären macht da wenig Sinn, reinhören schon eher. Also los:




Drei Plätze, die man sich in Hamburg unbedingt angeschaut haben sollte:

Diese Frage ist unmöglich zu beantworten. Es gibt einfach tausend Dinge und Orte, die Hamburg zu dieser wunderbaren Stadt machen, die wir alle lieben. Und eigentlich bin ich ja auch der Falsche für diese Frage, wo es mich doch regelmäßig in meiner Freizeit von hier wegzieht – zum Beispiel mit der Bahn in die Berge.


Möchtest du noch jemanden grüßen, hier ist Platz dafür:

Ich grüße alle meine Leidensgenossen, also diejenigen, die sich für Hamburg oder eine andere nord- beziehungsweise mitteldeutsche Stadt als Wohnort entschieden haben, obwohl sie die Berge lieben. Doch es gibt Hoffnung: In St. Bergweh findet ihr vielleicht eine zweite Heimat oder zumindest mal eine Art digitalen Kurort zur geistigen Erholungsreise in die Berge. Und aus aktuellem Anlass grüße ich ganz speziell meinen Freund Nico (Gibt’s im Himmel eigentlich Internet?), den liebenswertesten Menschen der Welt, und möchte mit einem Appell enden: Nehmt euch Zeit für eure Familien und Freunde. Nichts ist selbstverständlich.


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